Eine Branche im Wandel
Die Logistik gilt traditionell als Männerdomäne, und viele Zahlen bestätigen das bis heute. Laut Bundesagentur für Arbeit liegt der Frauenanteil im Bereich „Verkehr und Lagerei“ bei rund 22 Prozent, in der Lagerlogistik bei knapp 18 Prozent und unter den Berufskraftfahrerinnen sogar nur bei drei bis vier Prozent. Gleichzeitig zeigt der Blick auf den Nachwuchs ein deutlich anderes Bild. In der Ausbildung zur Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung liegt der Anteil junger Frauen inzwischen bei über 30 Prozent, beim Wissenswettbewerb „Best Azubi“ der VerkehrsRundschau sogar bei fast 40 Prozent. Programme wie der Girls’ Day bringen jedes Jahr über 100.000 Schülerinnen erstmals mit technischen und logistischen Berufen in Kontakt. Das Potenzial ist also vorhanden, doch die Branche nutzt es noch nicht konsequent.
Frauen im Fuhrpark – Wie weiblich ist die Logistik?
„Wir müssen Frauen nicht suchen – wir müssen sie halten“
Eine, die seit Jahren zeigt, wie moderne Logistik funktioniert, ist Ruth Pflaum aus Geiselwind. Ihr Unternehmen hat an Pfingsten 2026 gleich drei Auszeichnungen erhalten: Azubi Nemat wurde mit der AzubiTrophäe geehrt, Verkehrsleiter Thomas Decker für sein Engagement in der Ausbildung ausgezeichnet, und Pflaum selbst nahm die NachhaltigkeitsTrophäe „Future Truck“ entgegen. Für sie war dieser Moment mehr als ein Preisregen. Es sei ein Signal an das gesamte Team gewesen, sagt sie im Gespräch mit VerkehrsRundschau Funk, ein Beweis dafür, dass Ausbildung, Verantwortung und Zukunftsthemen zusammengehören. Pflaum betont, dass Frauen nicht als Ausnahme behandelt werden dürfen. Sichtbarkeit, Vertrauen und klare Entwicklungsmöglichkeiten seien entscheidend, damit sie bleiben und Verantwortung übernehmen.
Ausbildung als Schlüssel zur Veränderung
Pflaum beobachtet seit Jahren, wie sich die Rolle von Frauen in der Logistik verändert. Sie seien heute sichtbarer, selbstbewusster und besser vernetzt, doch in vielen operativen Bereichen weiterhin unterrepräsentiert. Um das zu ändern, brauche es niedrigere Einstiegshürden und mehr Orientierung. Viele Mädchen wüssten schlicht nicht, wie vielfältig Logistik sei. Formate wie der Girls’ Day oder Wettbewerbe wie „Best Azubi“ hätten deshalb eine enorme Bedeutung. Unternehmen, die diese Chancen aktiv nutzen, gewinnen häufiger junge Frauen für Lager, Disposition oder technische Bereiche. Diversität in der Ausbildung sei für sie kein Trend, sondern ein Vorteil. Unterschiedliche Perspektiven machten Teams stärker, sagt Pflaum, und gerade junge Frauen brächten oft eine hohe fachliche Motivation mit.
Vereinbarkeit entscheidet über die Zukunft
Ein zentrales Thema bleibt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Pflaum formuliert es klar: Wenn die Branche Frauen halten wolle, müsse sie flexibler werden. Dazu gehörten moderne Schichtmodelle, Homeoffice‑Optionen in der Verwaltung und transparente Karrierewege. Viele Frauen verließen die Logistik nicht, weil sie die Arbeit nicht mögen, sondern weil die Strukturen nicht zu ihrem Leben passen. Gleichzeitig spüre man, dass sich der Umgangston in vielen Betrieben verändere. Der früher oft raue Stil weiche zunehmend einer respektvolleren Kommunikation, was die Branche für Frauen attraktiver mache. Für die kommenden fünf bis zehn Jahre ist Pflaum optimistisch. Die Logistik werde weiblicher werden, sagt sie, weil der Fachkräftemangel Unternehmen zwinge, neue Wege zu gehen – und weil moderne Führungskultur Frauen nicht nur einlädt, sondern hält.