Seit zwei bis drei Jahren bewegt sich die Geschäftslage der deutschen Logistikwirtschaft auf niedrigem Niveau. Geopolitische Krisen, schwacher Welthandel und hohe Kosten hinterlassen Spuren. Doch es gibt erste Zeichen der Trendwende. Das zeigte die BVL Supply Chain CX 2026 der Bundesvereinigung Logistik (BVL) in Berlin. Welche Trends und neue Technologien helfen – hier die wichtigsten Ergebnisse von dem Logistik-Event des Jahres.
„Deliver now!“ war das Motto der diesjährigen Veranstaltung, mit dem Macher der BVL Supply Chain CX „einen Aufruf an uns selbst, an uns alle verbinden wollen – für eine Haltung für mehr Wettbewerbsfähigkeit und für stringentes Handeln und eine Körperhaltung, das wir Dinge erreichen, die wir uns vornehmen und den Anspruch, das wir im globalen Wettbewerb bestehen – trotz der Lage “, formulierte es Kai Althoff, 4flow-CEO und BVL-Vorsitzender des Vorstands der Bundesvereinigung Logistik (BVL) zum Auftakt der Veranstaltung.
Und die Zeichen auf eine vorsichtige Trendwende in der Logistik stehen gut: „Die weitaus große Mehrheit der deutschen Unternehmern blickt, wie Befragungen zeigen, optimistisch in die Zukunft – im internationalen Quervergleich sogar sehr viel optimistischer als in anderen Ländern“, rief Althoff den Kongress-Besuchern zu. Hoffnung macht auch: „Die deutsche Wirtschaft wächst und zwar stärker als erwartet“, 1,3 Prozent reales BIP-Wachstum für 2026– also fast doppelt so viel wie zuletzt vorhergesagt – erwartet das Herbstgutachten der Bundesregierung für das laufende Jahr.
Allerdings bleibt der Handlungsdruck in den Unternehmen hoch. Nicht zuletzt aufgrund der vielen geopolitischen Krisen und der hohen Energiekosten. Resilienz in den Lieferketten wird damit zum Schlüsselbegriff. „Für 61 Prozent der Unternehmen wird Resilienz sogar noch wichtiger. Das zeigt zum Beispiel die neue BVL-Vertiefungsstudie „KI und Resilienz: Supply Chains erfolgreich transformieren“, für die rund 60 Experten aus Industrie, Handel und Dienstleistung befragt worden waren. Wichtiger Hebel kann da die Digitalisierung sein. 64 Prozent der befragten Experten sind der Meinung, dass diese die Resilienz in der Logistik und in Supply Chains steigern könne.
Unisono wurde auf dem Kongress seitens der Manager und Unternehmenschefs aber eines betont: „Die Zukunft ist der Supply Chain ist vernetzt, sprich digital, und menschlich“, formulierte es zum Beispiel Peter Maly, Rewe-Vorstandsmitglied und COO für Logistik und Supply Chain Management. Will heißen: Die Technik soll nicht das Kommando übernehmen. Der Mensch bleibt nach wie vor zentral. „Die KI wird also nicht als eine autonom selbst entscheidende Instanz verstanden, sondern ist vielmehr Entscheidungsunterstützung“, formulierte es auch Wendelin Gross, Head of Research bei 4flow. Entscheidend sei vielmehr, dass Menschen die Fähigkeit behalten, die Entscheidungen der KI zu verstehen und sie beurteilen zu können, betonte Gross. Diese Kompetenz müssten die Unternehmen behalten und damit auch die Kontrolle. Im Klartext: „Die KI hilft mir, aber sie ist (…) jetzt nicht der Chef.“
Wichtige Aussage da auf dem Kongress: „Die KI ist kein Rechtsobjekt. Das heißt, sie hat auch keine Rechtsfähigkeit“, betonte Rechtsanwalt Oliver Peltzer, Partner der Kanzlei ASD Law. Wenn ein Unternehmen also beispielsweise einen KI-Agenten so ausrichte, dass dieser Buchungen auslöse, warnte Peltzer, müsse dem Unternehmen klar sein: „Wenn sich der KI-Agent verrechnet, ist letztlich das Unternehmen in der Verantwortung.“ Und es seien leider eben nicht die KI und in den seltensten Fällen auch nicht der Anbieter dafür verantwortlich, betonte der Jurist. Ein bitterer Wermutstropfen.
Neben den vielen Möglichkeiten dank KI und Automatisierung, macht in der zivilen Logistikwirtschaft auch ein neuer Markt Hoffnung: die Verteidigungslogistik. Das zeigt die gemeinsame Studie „Defense Logistics“ der BVL und der Strategieberatung Strategie&. Zentrales Ergebnis da: Der Wirtschaftsbereich der Logistik ist bereit, sich stärker in der Verteidigung zu engagieren und damit seinen Beitrag zu Deutschlands rolle als logistische Drehscheibe der NATO in Europa zu leisten. So sind von 85 befragten Logistikern schon heute 60 Prozent im Verteidigungssektor aktiv. Davon 34 Prozent für öffentliche Auftraggeber, 24 Prozent für die Rüstungsindustrie und 42 Prozent für beide Kundengruppen. Allerdings sehen sie laut der Studie die insbesondere die Zusammenarbeit mit öffentlichen Auftraggebern als kritisch. Nur 14 Prozent bewerten diese laut der Studie als gut, 48 Prozent als schlecht. Positiv hingegen ist: in den kommenden drei bis fünf Jahren planen 70 Prozent der Unternehmen gezielt in das Geschäftsfeld Defence Logistik zu investieren. Nicht nur, weil sie dadurch neue Umsatzpotenziale sehen, sondern weil sie dadurch laut Studie neue Fähigkeiten aufbauen wollen. Höhere Anforderungen an Prozessresilienz, physische Sicherheit und Cybersicherheit könnten anschließend auch auf andere Industrien übertragen werden.
Bei allen Hoffnungen auf mehr Wachstum, wurde auf der BVL Supply Chain CX 2026 eines unmissverständlich klar: Der Laderaummangel ist schon heute, trotz der schwachen Wirtschaft, eklatant. Das zeigte eine Expertenrunde mit Gunnar Gburek, Unternehmenssprecher von Timocom und drei namhaften Verladern: Benjamin Stauch, Leiter operatives Auftragsmanagement bei MC-Bauchemie, Aigul Zhalgassova, Global Transport Management bei Siemens AG und Martin Heider, Leiter Einkauf logistischer Dienstleistungen, Deutschland bei Henkel.
Und die BVL Supply Chain CX 2026 selbst? Das vor drei Jahren neu aufgesetzte Format scheint inzwischen auch wirtschaftlich Früchte zu tragen. Die Ausstellung sei mit 130 Ausstellern „wirklich ausgebucht“, betonte Christoph Meyer, Geschäftsführer der BVL. Rund 1800 Teilnehmer kamen, die Erlöse aus dem Teilnehmergeschäft lagen über den Planungen. Besonders positiv wertet der Veranstalter, dass Aussteller inzwischen von sich aus und über Empfehlungen auf ihn zukommen. Der Neustart mit der BVL Supply Chain CX ist also geschafft. Dazu Glückwunsch an das BVL-Team in Bremen.