Die Globalisierung ist nicht vorbei, doch Deutschland verliert seit Jahren an Boden im Welthandel. Zu dieser Einschätzung kommt Commerzbank-Analyst Vincent Stamer. Während die weltweiten Warenströme grundsätzlich stabil bleiben, entwickeln sich die deutschen Exporte deutlich schwächer. Neue Freihandelsabkommen könnten nach seiner Einschätzung jedoch für zusätzliche Wachstumsimpulse sorgen.
Stamer widerspricht damit der verbreiteten These einer zunehmenden Deglobalisierung. Setzt man den weltweiten Warenhandel ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, zeigt sich nach seiner Analyse seit Ende der 2000er-Jahre vielmehr eine weitgehende Stabilisierung. Zuvor hatte die Globalisierung insbesondere Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre stark an Dynamik gewonnen.
Deutsche Exporte verlieren seit 2018 an Boden
Anders sieht die Entwicklung für Deutschland aus. Während die weltweiten Exporte von Industrienationen langfristig weiter wachsen, gehen die preisbereinigten deutschen Ausfuhren laut Stamer seit ihrem Hoch in den Jahren 2018 und 2019 zurück.
Ein Grund sind die veränderten geopolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Deutschland befindet sich als exportorientierte Volkswirtschaft zwischen zwei der wichtigsten Wirtschaftsmächte der Welt.
Während die USA stärker auf Zölle und Abschottung setzen, stärkt China seine eigene Industrie und baut seine Position in internationalen Lieferketten aus. Das trifft deutsche Unternehmen auf mehreren Ebenen.
China wird auf Drittmärkten zum Konkurrenten
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel im China-Geschäft. Deutsche Exporte in die Volksrepublik sind zurückgegangen, weil immer mehr Produkte direkt vor Ort hergestellt werden. Dazu tragen auch die chinesischen Produktionsstandorte deutscher Unternehmen bei.
Gleichzeitig konkurrieren chinesische Hersteller zunehmend auf Märkten außerhalb Chinas mit deutschen Anbietern. Stamer verweist beispielsweise auf die Automobilbranche: Länder wie Italien, Großbritannien und Spanien beziehen inzwischen mehr Fahrzeuge aus China und weniger aus Deutschland.
Damit verändert sich nicht nur die Nachfrage aus China. Deutsche Unternehmen bekommen den zusätzlichen Wettbewerbsdruck auch auf wichtigen europäischen und internationalen Absatzmärkten zu spüren.
Freihandelsabkommen sollen neue Märkte erschließen
Eine Chance sieht Stamer in der europäischen Handelspolitik. Neue Freihandelsabkommen und Wirtschaftspartnerschaften könnten zusätzliche Absatzmärkte für deutsche Unternehmen erschließen und bestehende Abhängigkeiten reduzieren.
Besonders großes Potenzial sieht der Analyst in Indien. Das Land steht derzeit für rund vier Prozent der Weltwirtschaft und wächst nach seinen Angaben um etwa sieben Prozent jährlich. Eine stärkere Öffnung solcher Wachstumsmärkte könnte dem europäischen und deutschen Außenhandel neue Impulse geben.
Auch weitere Märkte in Lateinamerika oder Afrika könnten langfristig an Bedeutung gewinnen.
Auftragseingänge zeigen erste Erholung
Vorsichtig positive Signale sieht Stamer auch bei den Auftragseingängen der deutschen Wirtschaft. Während der Energiekrise 2022 und 2023 seien diese um mindestens 15 Prozent eingebrochen. In den vergangenen beiden Jahren zeichne sich jedoch wieder ein leichter Aufwärtstrend ab.
Impulse kommen insbesondere aus dem Euroraum. Länder wie Spanien, Italien und Frankreich entwickelten sich zuletzt wirtschaftlich dynamischer als Deutschland und sorgten dadurch für zusätzliche Bestellungen deutscher Maschinen, Fahrzeuge und anderer Industrieprodukte.
Von einer nachhaltigen Erholung könne dennoch noch nicht gesprochen werden.
Energiekosten und Bürokratie belasten den Standort
Neben geopolitischen Veränderungen sieht Stamer hausgemachte Probleme. Bürokratie, Fachkräftemangel, das Steuersystem und insbesondere hohe Energiekosten schwächen die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen.
Für Transport und Logistik ist die weitere Entwicklung besonders relevant. Steigende Exporte und neue Handelsbeziehungen verändern Warenströme und damit die Nachfrage nach internationalen Transport-, Hafen- und Logistikdienstleistungen.
Trotz des Gegenwinds kommt Stamer zu einer vorsichtig optimistischen Einschätzung: Die Talsohle der deutschen Wirtschaft könnte langsam durchschritten sein. Entscheidend dürfte sein, ob neue Handelsbeziehungen tatsächlich zusätzliche Nachfrage schaffen und Deutschland gleichzeitig seine strukturellen Standortprobleme angeht.