Weniger Ausbildungsplätze: Wie die Logistikbranche dasteht

24.09.2026 12:40 Uhr | Lesezeit: 4 min
Dario Portong, Referatsleiter Analyse und Daten der Beruflichen Bildung der Deutschen Industrie- und Handelskammer
Dario Portong, Referatsleiter Analyse und Daten der Beruflichen Bildung der Deutschen Industrie- und Handelskammer
©Foto: DIHK / Marko Priske

Die Ausbildungsumfrage 2026 der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) zeigt, dass das Besetzungsproblem auf Rekordniveau bleibt und erneut viele IHK-Betriebe ihr Lehrstellenangebot verringern. Die Gründe und wie es in der Transport- und Logistikbranche aussieht, erklärt Dario Portong, Referatsleiter Analyse und Daten der Beruflichen Bildung bei der DIHK, im Interview.

Die DIHK-Ausbildungsumfrage 2026 zeigt erneut, dass IHK-Ausbildungsbetriebe ihre Ausbildungsstellen allgemein weiter reduzieren: 29 Prozent der Betriebe bieten weniger Ausbildungsplätze als im Vorjahr an, während nur 13 Prozent ihr Angebot erweitern. 

Jeder vierte Betrieb, der weniger Ausbildungsstellen anbietet, nennt den Mangel an geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern als Grund, so die Mitteilung der DIHK; Jeder fünfte erklärt dies mit schlechten Erfahrungen mit Auszubildenden. Und es geht noch weiter: Der Mangel an geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern (37 Prozent) und schlechte Erfahrungen mit Auszubildenden (27 Prozent) sind die häufigsten Gründe, warum andere Betriebe gar nicht mehr ausbilden.

Zugleich ist das hohe Besetzungsprobleme weiterhin auf Rekordniveau: Rund jeder zweite Betrieb konnte im Jahr 2025 nicht alle Ausbildungsplätze füllen. Seit 2015 ist der Anteil der Betriebe mit Besetzungsproblemen von 31 Prozent auf 49 Prozent gestiegen. 

Die komplette Ausbildungsumfrage 2026 finden Sie hier.

Dario Portong ist Referatsleiter Analyse und Daten der Beruflichen Bildung bei der DIHK und erklärt einige Hintergründe.

Herr Portong, was sind neue Entwicklungen, die sie in der Ausbildungsumfrage 2026 bemerkt haben?

Bemerkenswert ist: Trotz der anhaltenden Wirtschaftskrise bleibt das Engagement der Unternehmen für die Fachkräftesicherung hoch. Vier von fünf Betrieben übernehmen mindestens drei Viertel ihrer Ausbildungsabsolventinnen und -absolventen. 84 Prozent der Betriebe wollen sie bei weiteren Qualifizierungen unterstützen. Das zeigt, welchen hohen Stellenwert die duale Ausbildung für die betriebliche Fachkräftesicherung weiterhin hat.

Was sind in Ihren Augen die größten Probleme in der Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt und welche Lösungsansätze gibt es dazu?

Die größte Herausforderung auf dem Ausbildungsmarkt ist die Kombination aus wirtschaftlicher Schwäche und anhaltenden Besetzungsproblemen. Nach sechs Jahren ohne faktisches Wirtschaftswachstum stehen viele Betriebe in Industrie und Handel wirtschaftlich unter Druck. Gleichzeitig fehlen ausreichend geeignete Bewerberinnen und Bewerber für deren Ausbildungsplätze. Die Besetzungsprobleme verharren auf einem Rekordniveau – trotz der schwachen Konjunktur und dem damit einhegenden Rückgang der angebotenen Ausbildungsplätze. Rund jedes zweite Unternehmen konnte 2025 nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Das zentrale Hemmnis ist dabei die mangelnde Passung zwischen Angebot und Nachfrage. Es geht weniger um einen generellen Mangel an Ausbildungsplätzen oder Bewerbern als vielmehr um qualifikatorische, regionale und berufliche Passungsprobleme.

Insbesondere im Bildungsbereich besteht erheblicher Handlungsbedarf. Schulen müssen sicherstellen, dass junge Menschen die grundlegenden Kompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen erwerben. Dabei sollten die Schulen auch die notwendigen „Soft Skills“ vermitteln wie Belastbarkeit, Aufmerksamkeit, oder logisches Denken. Ebenso wichtig ist eine systematische und praxisorientierte Berufsorientierung. Wer frühzeitig und wiederholt praktische Erfahrungen sammelt, kann eigene Stärken besser einschätzen und fundierte Berufsentscheidungen treffen.

Darüber hinaus braucht Deutschland eine daten- und evidenzbasierte Bildungspolitik. Die im Koalitionsvertrag angekündigte Bildungs-ID und die Bildungsverlaufsstatistik sollten umgesetzt werden. Nur wenn Bildungswege systematisch analysiert werden können, lässt sich ein Unterstützungsbedarf frühzeitig erkennen und wirksame Maßnahmen gegen Besetzungsprobleme und Ausbildungsabbrüche entwickeln.

Die Unternehmen bieten weniger Ausbildungsplätze an - wie sieht es konkret in der Logistikbranche aus?

Auch in der Verkehrsbranche (Transport/Logistik) steht das Angebot an Ausbildungsstellen unter Druck, allerdings etwas weniger stark als im Durchschnitt der Wirtschaft. Nach den Ergebnissen der DIHK-Ausbildungsumfrage 2026 geben 14 Prozent der Verkehrsbranche an, mehr Ausbildungsplätze anzubieten als im Vorjahr. Demgegenüber reduzieren 26 Prozent ihr Ausbildungsangebot. Daraus ergibt sich als Differenz zwischen Ausweitung und Reduzierung der Ausbildungsplätze ein Saldo von minus 12 Prozentpunkten.

Damit liegt die Verkehrsbranche zwar ebenfalls im negativen Bereich, schneidet aber etwas besser ab als der Durchschnitt aller Branchen. Dort beträgt der Saldo minus 16 Prozentpunkte. Allerdings hat sich die Entwicklung auch in der Verkehrsbranche gegenüber dem Vorjahr verschlechtert: Damals lag der Saldo noch bei minus 8 Prozentpunkten.

Woran liegt das?

Die Verkehrsbranche ist eine Infrastrukturbranche, die in besonderem Maße von staatlichen Investitionsprogrammen profitieren kann. Die Gründe für ein geringeres Ausbildungsplatzangebot ähneln grundsätzlich denen in der Gesamtwirtschaft, allerdings zeigen sich bei einigen Punkten Unterschiede. Mit Blick auf Ausbildungshindernisse nennen Betriebe, die ihr Angebot an Ausbildungsstellen im Jahr 2026 reduzieren, vor allem betriebliche Faktoren wie organisatorische Veränderungen und die anhaltend schwierige Suche nach geeigneten Auszubildenden.

Verkehrsbetriebe nennen organisatorische Veränderungen und Umstrukturierungen, etwa Verkleinerungen oder weniger Abteilungen, häufiger als im Durchschnitt (28 gegenüber 24 Prozent). Auch geben sie überdurchschnittlich häufig den Mangel an geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern an (27 Prozent gegenüber 23 Prozent).

Welche Konsequenzen wird das mit sich bringen?

Die wichtigste Konsequenz ist, dass sich die Fachkräfteengpässe weiter verschärfen. Wenn Ausbildungsplätze nicht besetzt werden können oder Unternehmen ihr Ausbildungsangebot reduzieren, wirkt sich das zeitversetzt auf den Arbeitsmarkt aus. Dann fehlen den Betrieben die Fachkräfte von morgen. Bereits heute berichtet laut DIHK-Fachkräftereport 2025/2026 mehr als jedes zweite Unternehmen im Straßengüterverkehr, dass es offene Stellen nicht besetzen kann. Sie sind damit besonders stark von Fachkräfteengpässen betroffen. Vier von zehn der Unternehmen mit Stellenbesetzungsproblemen suchen erfolglos Beschäftigte mit dualer Berufsausbildung.

Der Fachkräftemangel kann dazu führen, dass Aufträge nicht angenommen werden können, Dienstleistungen eingeschränkt werden oder Wachstumschancen ungenutzt bleiben. Die Folgen reichen über die einzelnen Unternehmen hinaus. Der Mangel an beruflich qualifizierten Fachkräften schwächt das Produktionspotenzial und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft insgesamt, gerade weil die Verkehrsbranche eine zentrale Rolle für die Volkswirtschaft einnimmt. Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb um Fachkräfte, wodurch die Arbeitskosten weiter steigen. Zudem werden zentrale Transformationsaufgaben schwieriger zu bewältigen. Ob Modernisierung der Infrastruktur, Digitalisierung, oder Klimaschutz: All diese Herausforderungen erfordern gut ausgebildete Fachkräfte.

Wie kann man dem entgegensteuern?

Damit Unternehmen auch künftig in Ausbildung investieren können, braucht es – neben den bildungspolitischen – auch bessere wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen. Viele Betriebe werden durch Bürokratie, hohe Energiekosten und weitere Standortnachteile belastet. Das schränkt ihre Investitions- und Ausbildungsfähigkeit ein. Die Bundesregierung hat wichtige Reformen angestoßen. Entscheidend ist nun, dass diese zügig umgesetzt werden und bei den Unternehmen spürbar ankommen.


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