Der Ausbildungsmarkt hat sich in den vergangenen Jahren verändert: Während Betriebe früher zwischen Bewerbern wählen konnten, stehen heute viele Unternehmen vor dem Problem, Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen zu können.
Karsten Poppe, Recruitingexperte und Geschäftsführer von Benity, einer Unternehmensberatung, spezialisiert auf Recruiting, Mitarbeiterbindung und Employer Branding für den Mittelstand, beschreibt diese Entwicklung als strukturellen Wandel: „Der Ausbildungsmarkt hat sich grundlegend verändert. Was früher ausreichte, reicht heute längst nicht mehr. Eine Stellenanzeige, ein Plakat oder ein Messestand sind keine Strategie mehr. Hoffnung ersetzt keine Vorbereitung. Und lauter suchen bringt nichts, wenn Unternehmen nicht früher, klarer und glaubwürdiger sichtbar werden.“
Warum der Ausbildungsmarkt kein Nachwuchsmarkt mehr ist
Nach Einschätzung Poppes hat sich das Kräfteverhältnis deutlich verschoben. Jugendliche bewerben sich heute nicht mehr automatisch, sondern vergleichen gezielt Arbeitgeber, Rahmenbedingungen und Unternehmenskulturen: „Heute ist der Ausbildungsmarkt kein Nachwuchsmarkt mehr. Er ist ein Entscheidungsmarkt. Junge Menschen bewerben sich nicht einfach, sondern sie prüfen und vergleichen.“
Dabei stehe häufig nicht allein der Ausbildungsberuf im Mittelpunkt, sondern das persönliche Sicherheitsgefühl: „Oft entscheidet nicht der Beruf, sondern das Gefühl. Die Frage lautet: Traue ich mir das zu? Passe ich dort hinein? Werde ich ernst genommen? Gibt es Menschen, die mich begleiten? Ist das ein Ort, an dem ich wachsen kann – oder nur funktionieren soll?“
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Warum Fakten allein junge Bewerber nicht überzeugen
Viele Unternehmen reagieren auf sinkende Bewerberzahlen weiterhin mit klassischen Maßnahmen. Sie warten darauf, dass Jugendliche aktiv suchen, und treten dann in Konkurrenz zu Arbeitgebern, die längst sichtbar sind.
„Viele Unternehmen verhalten sich, als hätte sich nichts verändert“, sagt Poppe. Jugendliche entscheiden sich jedoch nicht nur für eine Ausbildung, sondern für ein Umfeld, in dem sie Entwicklung, Sicherheit und Zugehörigkeit erwarten, betont er. „Dafür reicht es nicht, Ausbildungsplätze anzubieten. Unternehmen müssen Ausbildungsfähigkeit als Kompetenz entwickeln. Diese Kompetenz muss strukturell, kulturell und kommunikativ verankert sein.“
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Die fünf inneren Fragen junger Bewerber
Junge Bewerberinnen und Bewerber formulieren ihre Erwartungen selten offen; Dennoch bestimmen diese fünf inneren Fragen maßgeblich die Entscheidung für oder gegen einen Ausbildungsbetrieb, so Poppe:
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„Kann ich mir vorstellen, dort jeden Tag hinzuzugehen?“
Diese Frage bezieht sich nicht nur auf den Ausbildungsstart, sondern auf die gesamte Ausbildungszeit und darüber hinaus. -
„Werde ich dort unterstützt oder allein gelassen?“
Jugendliche wollen wissen, ob es feste Ansprechpartner gibt und ob sie aktiv begleitet werden.
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„Sind die Menschen dort echt oder ist das Hochglanz?“
Authentizität wiegt schwerer als perfekt inszenierte Auftritte. -
„Hat meine Arbeit dort Sinn oder bin ich austauschbar?“
Sinnstiftende Aufgaben fördern Bindung, Austauschbarkeit begünstigt frühe Abbrüche. -
„Habe ich dort eine Zukunft, die über die Ausbildung hinausgeht?“
Übernahmechancen, Entwicklung und Perspektiven zählen mehr als formale Formulierungen.
Warum klassische Ausbildungsseiten oft am Ziel vorbeigehen
Viele Betriebe versuchen weiterhin, diese Fragen mit formalen Ausbildungsseiten zu beantworten. Nach Einschätzung von Poppe greift dieser Ansatz zu kurz: „Diese Fragen beantwortet kein Unternehmen mit einer klassischen Ausbildungsseite voller Anforderungen, Fristen und Floskeln. Genau hier liegt der strategische Fehler vieler Betriebe.“
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Warum Atmosphäre wichtiger ist als Argumente
"Junge Bewerbende recherchieren digital", weiß er. "Sie prüfen Arbeitgeber über soziale Medien, Bewertungen, Videos, Bekannte sowie Eltern und vergleichen nicht nur Gehalt und Ausbildungstitel. Vergleicht man zwei Unternehmen, die eine ähnliche Ausbildung, eine vergleichbare Vergütung und ähnliche Perspektiven bieten, wird deutlich, dass oft andere Faktoren den Ausschlag geben.“
Unternehmen, die echte Einblicke zeigen, klare Ansprechpartner benennen und den Einstieg strukturiert erklären, erzeugen so mehr Sicherheit – und überzeugen auf diese Weise häufiger die Azubis für sich.
Warum die Entscheidung oft vor der Bewerbung fällt
Ein zentraler Faktor: Die Tendenzen werden häufig schon vor dem eigentlichen Kontakt geklärt, sagt Poppe: „Die Entscheidung für oder gegen ein Unternehmen fällt oft lange vor der Bewerbung. Wenn Betriebe erst dann sichtbar werden, wenn Jugendliche aktiv suchen, sind sie meist zu spät.“
Erfolgreiche Ausbildungsbetriebe bauen früh Vertrauen auf, zeigen echte Menschen und benennen ihre Anforderungen ehrlich. „Gesunde Arbeitgeber warten nicht darauf, dass junge Menschen zufällig den Weg zu ihnen finden. Sie bauen früh Vertrauen auf. Sie zeigen, was sie meinen. Und sie liefern, was sie versprechen. Denn Auszubildende zu gewinnen, bedeutet mehr als Nachwuchsmarketing. Es bedeutet, als Arbeitgeber so klar, verlässlich und entwicklungsfähig zu werden, dass junge Menschen sich vorstellen können, dort ihre berufliche Identität aufzubauen. Das ist die neue Realität des Ausbildungsmarkts. Und das ist die Chance für Unternehmen, die das verstehen und handeln.“
Welchen Ansatz Betriebe brauchen
„Der häufigste Fehler besteht darin, dass Unternehmen fragen: ‚Warum bewerben sich keine Jugendlichen?‘ Die eigentliche und viel tiefere Frage lautet jedoch: ‚Sind wir als Ausbildungsbetrieb eigentlich klar genug, sichtbar genug und tragfähig genug?‘", betont Poppe.
Vereinzelte Maßnahme wie ein Schulbesuch, eine Stellenanzeige oder ein Imagevideo können das Grundproblem nicht lösen, weiß er: "Derartige Aktionen können zwar unterstützen und verstärken, was bereits funktioniert, aber sie können niemals ersetzen, was fundamental fehlt. Eine wirklich durchdachte Ausbildungsstrategie startet deshalb gar nicht mit der Frage ‚Wo erreichen wir Jugendliche?‘, sondern vielmehr mit der Frage ‚Sind wir überhaupt bereit, wenn uns Jugendliche finden?‘“
"Sind wir überhaupt bereit, wenn uns Jugendliche finden?"
- Karsten Poppe, Recruitingexperte und Geschäftsführer der Benity.