Die berufsbildenden Schulen in Sachsen-Anhalt stehen vor wachsenden Herausforderungen. Während die Zahl der Schülerinnen und Schüler steigt, verschlechtert sich die Unterrichtsversorgung, wie die dpa schreibt. Nach Angaben des Bildungsministeriums in Magdeburg lag sie im Schuljahr 2021/22 noch bei 96,3 Prozent, im vergangenen Schuljahr jedoch nur noch bei 93 Prozent. Gleichzeitig fielen 8,6 Prozent des Unterrichts ersatzlos aus.
Unterrichtsversorgung sinkt trotz Neueinstellungen
Um offene Stellen zu besetzen, greifen die Schulen zunehmend auf Seiteneinsteiger zurück. Im vergangenen Jahr wurden 122 Lehrkräfte eingestellt, darunter 47 ausgebildete Lehrkräfte für berufsbildende Schulen und 75 Seiteneinsteiger. Bis Mitte September dieses Jahres kamen weitere 68 Einstellungen hinzu. Davon verfügten 22 Personen über eine reguläre Lehramtsausbildung, 46 wurden über den Seiteneinstieg gewonnen.
Seiteneinsteiger gewinnen an Bedeutung
Der Vorsitzende des Berufsschullehrerverbands Sachsen-Anhalt, Jörg Riemer, bewertet den hohen Anteil von Seiteneinsteigern positiv. "Das ist oft vorteilhaft", sagt Riemer. Fachkräfte aus der Wirtschaft brächten wertvolle Praxiserfahrung mit in den Unterricht. Nach seinen Angaben brechen Seiteneinsteiger an berufsbildenden Schulen deutlich seltener ab als an allgemeinbildenden Schulen.
Die rückläufige Unterrichtsversorgung führt er vor allem auf steigende Schülerzahlen zurück. "Wir 24 Schulleiter sind gewohnt, Herausforderungen zu managen", betont Riemer. Die Berufsschulen seien vergleichsweise groß mit 60 bis 150 Lehrkräften. Da könne man gut Kräfte verteilen. Aus seiner Sicht sind weder fachliche Inhalte noch Prüfungen aktuell gefährdet.
Besonders groß ist der Lehrkräftebedarf in gewerblich-technischen Fachrichtungen. Nach Angaben von Riemer fehlen vor allem Lehrkräfte in der Metalltechnik, Elektrotechnik und Kfz-Technik. "Dort gibt es einen ganz großen Bedarf", so Riemer. Als Ursache nennt er unter anderem die geringe Zahl an Absolventen der Berufsschullehrerausbildung in Sachsen-Anhalt. "Viele Lehramtsstudierende gehen an die allgemeinbildenden Schulen. Die Schulform der berufsbildenden Schulen kennen ganz wenige." Studierende haben zumeist ein Gymnasium besucht.
Handwerk warnt vor zusätzlichen Belastungen
Für die Ausbildungsbetriebe hat der Unterrichtsausfall spürbare Folgen. Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, verweist auf die Bedeutung zentraler Unterrichtsinhalte. "Besonders bedeutsam ist der kontinuierliche Unterricht in den Kernfächern Deutsch und Mathematik sowie in den fachbezogenen Ausbildungsfächern. Diese vermitteln grundlegende Kompetenzen, die für das Verständnis von Arbeitsaufträgen, Berechnungen und technischen Zusammenhängen ebenso notwendig sind wie für die Kommunikation im betrieblichen Alltag und eine erfolgreiche Prüfungsvorbereitung", sagt Grupe.
Fehlende Inhalte müssten zunehmend im Ausbildungsbetrieb vermittelt werden - und das während des laufenden Betriebs. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen stoßen dabei an ihre Grenzen. "Dauerhaft können Handwerksbetriebe nicht zusätzlich die Aufgaben der Berufsschulen übernehmen", so Grupe.
Unternehmen investieren in Nachhilfe und Prüfungsvorbereitung
Die Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau sieht Risiken für die Ausbildungsqualität. Simone Danek, Geschäftsführerin Aus- und Weiterbildung der IHK, erklärt: "Fällt die Vermittlung von Kenntnissen und Kompetenzen an berufsbildenden Schulen in Größenordnungen wegen Unterrichtsausfall aus, hat dies Auswirkungen auf die Qualität der Ausbildung. Viele Unternehmen steuern hier durch eigene Unterstützungsstrukturen wie Nachhilfe oder Prüfungsvorbereitungskurse von Bildungsdienstleistern gegen." Laut Danek sind jedoch sowohl die finanziellen als auch die organisatorischen Möglichkeiten der Betriebe begrenzt.
Neben einer besseren Unterrichtsversorgung spricht sich die IHK für den Ausbau digitaler Bildungsangebote aus. "Insofern fordern wir seit Jahren eine ausreichende Unterrichtsversorgung und auch das Nutzen neuer Lernformate, so zum Beispiel von blended Lernen", sagt Danek. Bestehende Pilotprojekte im Land sollten aus Sicht der IHK ausgeweitet werden, um Engpässen bei der Lehrerversorgung entgegenzuwirken.
Azubis berichten häufig von Unterrichtsausfall
Die Ergebnisse einer Azubi-Umfrage der IHK im südlichen Sachsen-Anhalt zeigen eine anhaltend kritische Lage. Demnach gaben 57 Prozent der Befragten an, dass Unterrichtsausfall manchmal, oft oder sehr oft vorkomme. Die Ergebnisse liegen damit nahezu auf dem Niveau der Vorjahresbefragung. Betroffen seien häufig auch berufsspezifische Fächer, die für die Abschlussprüfung und den späteren Berufsalltag wichtig sind, so die IHK Halle-Dessau. Gleichzeitig ist der Anteil der Auszubildenden leicht gestiegen, die nach eigenen Angaben selten oder nie Unterrichtsausfall erleben.
Zu wenige Bewerber für das Berufsschullehramt
Berufsschullehrer werden in Sachsen-Anhalt ausschließlich an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg ausgebildet. Für das Studienjahr 2025/26 standen insgesamt 130 Studienplätze zur Verfügung. Auf diese Plätze entfielen lediglich 75 Bewerbungen. Die Zahl der Studienanfänger lag bei 50. Im Studienjahr 2024/25 schlossen insgesamt 57 Personen ihre Ausbildung ab. Davon entfielen 19 Abschlüsse auf grundständige Studiengänge sowie 38 auf Master- und Aufbaustudiengänge.
Derzeit sind laut dem Bildungsministerium 21 Stellen an berufsbildenden Schulen offen. Diese seien Anfang September ausgeschrieben worden, Bewerbungen sind bis zum 30. September möglich.