Der deutsche Stückgutmarkt durchläuft derzeit eine Phase, die viele Branchenkenner als außergewöhnlich turbulent beschreiben. Partnerwechsel, Insolvenzen, Unternehmensnachfolgen und große Verschiebungen bei Sendungsmengen belasten die Kooperationen. Gleichzeitig zwingt die schwache Konjunktur die Unternehmen zu Kostendisziplin – und offenbart digitale Defizite, die zunehmend zum Wettbewerbsnachteil werden.
In unserer aktuellen Podcastfolge ordnet VerkehrsRundschau‑Redakteurin Eva Hassa die Lage ein und erklärt, warum die Branche 2026 mit so viel Unruhe zu kämpfen hat:
Unwucht im Stückgutmarkt: Was die Branche jetzt bewegt
DSV–Schenker: Ein Deal mit weitreichenden Folgen
Ein zentraler Auslöser der Bewegung ist der milliardenschwere Einstieg von DSV bei Schenker. Für die Stückgutbranche war dieser Wechsel insbesondere für IDS Logistik einschneidend: Der dänische Logistikriese war bis Ende 2025 einer der wichtigsten Gesellschafter im IDS‑Netz und betrieb insgesamt sieben Standorte. Mit dem Ausscheiden mussten innerhalb weniger Wochen neue Partner aufgeschaltet und rund 500 Linien neu strukturiert werden – die größte Reorganisation in der IDS‑Geschichte. Geschäftsführer Michael Bargl sprach gegenüber der VerkehrsRundschau offen über die Herausforderung, betonte jedoch, dass das Netz inzwischen wieder stabil läuft.
Stabilität bleibt fragil – bei allen Kooperationen
Ob IDS, CTL, Cargoline, NG.Network oder VTL: Die Lage ist branchenweit angespannt. Jörn Peter Struck (Cargoline) brachte es jüngst auf den Punkt: „Kämpfen tun wir aktuell alle, um die Netzsicherheit aufrechtzuerhalten.“
Die Gründe sind vielfältig:
- anhaltend schwache Wirtschaft
- steigender Preis- und Kostendruck
- Insolvenzen mittelständischer Speditionen
- ungelöste Nachfolgen bei Familienbetrieben
- verschärfter Wettbewerb um Kapazitäten
Die jüngste Insolvenz der Hintzen Spedition, eines langjährigen Stückgutprofis, hat vielen erneut gezeigt, wie verletzlich selbst etablierte Unternehmen sind.
Digitalisierung: Der Wettbewerbsvorteil, der vielen fehlt
Neben strukturellen Themen tritt ein weiterer entscheidender Faktor in den Vordergrund: die Digitalisierungslücke vieler mittelständischer Speditionen. Laut Thomas Lagally (Euro‑Log) arbeiten zahlreiche Betriebe weiterhin mit Systemen, die schwer integrierbar sind wenig automatisiert und stark von manuellen Prozessen abhängig.
Dies bremst Effizienz – insbesondere in Bereichen wie:
- Sendungserfassung
- Auftragsmanagement
- Störungsbearbeitung
- Prozesssteuerung
- Kommunikation zwischen Depots und Partnern
Mit KI könnten viele dieser Prozesse heute automatisiert werden. Doch der Einsatz ist im Mittelstand noch längst nicht Standard.
KI als Hebel – aber noch nicht im breiten Einsatz
Wie KI Stückgutprozesse effizienter machen kann, zeigt sich bereits in ersten Pilotprojekten:
- automatische Klärung „abarbeitungspflichtiger Vorgänge“
- digitalisierte Rechnungsprüfung
- automatisierte Statusdatenerfassung
- intelligente Netzsteuerung
Die Hürden sinken. Doch der Transfer in die Fläche steht noch am Anfang. Mehr dazu präsentiert die VerkehrsRundschau in der großen Expertenrunde der Ausgabe 6.
Klar ist: Die Stückgutbranche steht 2026 an einem Wendepunkt. Struktureller Druck, Konsolidierung und Digitalisierung prägen die kommenden Jahre. Wer sich behaupten will, braucht: stabile Netzstrukturen, klare Mengenplanung, moderne, integrierbare IT und die Bereitschaft, bestehende Prozesse zu hinterfragen Mehr denn je gilt: Ohne Weiterentwicklung bleibt man zurück.