Die deutsche Güterbinnenschifffahrt kann laut einer Studie des Bundesministeriums für Verkehr (BMV) bis zum Jahr 2040 zusätzliche Transportmengen von rund 12,5 Millionen Tonnen gewinnen. Die größten Potenziale sehen die Autoren in den Bereichen Kreislaufwirtschaft, Wasserstoffwirtschaft, Biomasse, Recycling, Onshore-Windenergie sowie beim Transport von Kohlendioxid im Rahmen von Carbon-Capture-Technologien.
Die Untersuchung „Ermittlung neuer Märkte für die deutsche Güterbinnenschifffahrt bis zum Jahr 2040“ analysiert sowohl bestehende als auch neue Transportmärkte. Sie wurde von der Prognos AG gemeinsam mit dem Steinbeis-Innovationszentrum Logistik und Nachhaltigkeit sowie der SSP Consult Beratende Ingenieure GmbH im Auftrag des BMV erstellt.
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder betont die Bedeutung der Wasserstraße für künftige Güterströme: „Die Studie macht deutlich, dass die Binnenschifffahrt weit mehr ist als ein traditioneller Verkehrsträger. Sie ist ein zentraler Baustein für eine klimaneutrale und resiliente Wirtschaft. Gerade in Zukunftsmärkten wie Kreislaufwirtschaft, Wasserstoff oder Recycling bietet sie große Chancen. Unser Ziel ist es, diese Potenziale konsequent zu heben – durch moderne Infrastruktur, innovative Technologien und verlässliche Rahmenbedingungen.“
Kreislaufwirtschaft bietet erhebliches Transportpotenzial
Als besonders aussichtsreich identifiziert die Studie die Kreislaufwirtschaft. In Deutschland fallen jährlich rund 400 Millionen Tonnen Abfälle an, von denen etwa die Hälfte verwertet wird. Daraus ergeben sich nach Einschätzung der Autoren zusätzliche Transportchancen für die Binnenschifffahrt.
Voraussetzung seien jedoch ausreichend gebündelte Stoffströme sowie passende logistische und genehmigungsrechtliche Rahmenbedingungen. Die Wasserstraße könne damit einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie und ihres Aktionsprogramms leisten.
Wasserstoffderivate eröffnen Chancen in der Hochlaufphase
Auch die Wasserstoffwirtschaft eröffnet neue Perspektiven für die Binnenschifffahrt. Langfristig dürften Pipelines den Transport von Wasserstoff dominieren. In der Anlaufphase der Wasserstoffwirtschaft kann die Binnenschifffahrt nach Angaben der Studienautoren jedoch eine ergänzende Rolle übernehmen.
Potenziale bestehen insbesondere beim Transport von Wasserstoffderivaten wie Ammoniak und Methanol. Damit könnte die Wasserstraße vor allem in den ersten Jahren des Markthochlaufs zusätzliche Transportaufgaben übernehmen.
Windenergie könnte Transporte auf die Wasserstraße verlagern
Weitere Chancen sehen die Autoren beim Transport von Großkomponenten für Onshore-Windenergieanlagen. Zunehmende Infrastrukturengpässe und steigende Genehmigungsanforderungen im Straßengüterverkehr könnten kombinierte Transportketten unter Einbindung der Wasserstraße attraktiver machen.
Dadurch könnte die Binnenschifffahrt künftig stärker am Transport großer Bauteile für die Energiewende beteiligt werden.
Wert der transportierten Güter steigt
Die Studie verweist zugleich auf strukturelle Veränderungen im Markt. Während die Transportmengen in einzelnen Segmenten stagnieren oder leicht zurückgehen könnten, steigt der Wert der transportierten Güter.
Vor allem hochwertige Industrieprodukte, chemische Erzeugnisse sowie Recyclinggüter gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig setzt sich die Containerisierung weiter fort und erhöht die Anforderungen an Häfen und Logistiknetzwerke.
Flotte muss gezielt weiterentwickelt werden
Nach Einschätzung der Autoren ist die bestehende Binnenschifffahrtsflotte bereits heute in der Lage, viele der künftig relevanten Güter zu transportieren. Dennoch besteht Anpassungsbedarf, etwa beim sicheren Transport von Gefahrgütern oder besonders großen Komponenten.
Als wichtige Entwicklungsfelder nennt die Studie zudem Digitalisierung, Automatisierung und alternative Antriebstechnologien. Gleichzeitig komme es auf gut funktionierende Umschlagprozesse sowie effiziente Vor- und Nachläufe an.
Leistungsfähige Häfen bleiben entscheidend
Um die zusätzlichen Marktpotenziale zu erschließen, seien leistungsfähige Binnenhäfen von zentraler Bedeutung. Die Studie empfiehlt, Flächen für Lagerung und Umschlag langfristig zu sichern und weiterzuentwickeln.
Darüber hinaus sprechen sich die Autoren für eine stärkere Vernetzung der beteiligten Akteure sowie für die Vereinfachung und Harmonisierung regulatorischer Vorgaben aus. Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit des Verkehrsträgers seien zudem effiziente Umschlagprozesse sowie leistungsfähige Vor- und Nachläufe.
Förderung alternativer Antriebe läuft bereits
Unabhängig von den Studienergebnissen unterstützt das Bundesverkehrsministerium mit dem am 16. Juli 2026 veröffentlichten KTF-Förderprogramm „Richtlinie über Zuwendungen für eine grüne Binnenschifffahrt“ den Einsatz von Güterbinnenschiffen mit alternativen Antrieben auf ausgewählten Korridoren. Gefördert werden unter anderem Schiffe mit Motoren, die alternative Kraftstoffe wie Wasserstoff nutzen, sowie die dafür erforderlichen Erzeugungsanlagen.
Die vollständige Studie ist auf der Website des Bundesministeriums für Verkehr hier verfügbar.