Seit Oktober ist Evelyn Palla neue Chefin der Deutschen Bahn. Beim Parlamentarischen Abend Schienenverkehr am 15. April 2026 in Berlin fasste die DB-Chefin die aktuellen Probleme zusammen, formulierte ihre Erwartungen an die Politik und gab ein Ausblick über den Zeithorizont und die Strategie der Problemlösung.
Wir geben die Rede im Wortlaut wieder, da Evelyn Palla darin zentrale strategische Leitlinien für die kommenden Jahre formulierte
„Wir leben in einer Zeit fundamentaler Umbrüche, geopolitische Spannungen an sehr vielen Stellen dieser Welt und wirtschaftliche Unsicherheit. Wir haben es gestern gehört, das Wirtschaftswachstum in Deutschland wurde von einem auf 0,8 Prozent nach unten korrigiert. Auch gesellschaftliche Veränderungen prägen mehr denn je unseren Alltag. Unsere bisherige Weltordnung steht auf dem Prüfstand. Trägt sie noch? Führt sie uns in eine gute Zukunft?
KRISENBEWÄLTIGUNG
Das sind die Fragen, die wir uns alle stellen. Und ja, die Krise ist allgegenwärtig .Und wie der Titel dieser Veranstaltung unmissverständlich sagt, auch die Schiene ist in der Krise. Aber, die Krise der Schiene ist nicht unser Schicksal, sondern sie ist vielmehr unsere Bewährungsprobe. Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam, alle zusammen, die Branche, die Politik, die Bahn, diese Krise überwinden können. Wir müssen sie auch überwinden. Wir brauchen einen Aufbruch in der Schiene.
Und jeder Aufbruch beginnt mit Haltung und genau das brauchen wir jetzt auch bei der Bahn. Und für Haltung braucht es genaue drei Dinge:
- Es braucht einen ehrlichen Blick auf die Realität
- Es braucht eine sachliche und zugleich schonungslose Aufklärung der Ursachen
- Und es braucht vor allem auch geschlossenes Handeln auf dem Weg nach vorne.
Es braucht Menschen, die sagen, wir übernehmen Verantwortung, alle gemeinsam und zwar jetzt. Es braucht keine Ankündigungen, sondern es braucht messbare Veränderungen, nicht irgendwann, nicht morgen, sondern jetzt sofort.
PROBLEMSTELLEN
Lassen Sie uns auf die aktuelle Lage schauen. Die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn im Personenverkehr befindet sich seit vielen Jahren im freien Fall. Im Regionalverkehr von 96 Prozent in 2020 auf 89 Prozent im vergangenen Jahr. Im Fernverkehr von 82 Prozent im 2020 auf 60 Prozent im vergangenen Jahr. Wir sind jedes Jahr ein bisschen schlechter geworden. Das ist verlorenes Vertrauen, Tag für Tag. Und gleichzeitig hat sich der Zustand unserer Infrastruktur massiv verschlechtert und das ist auch ein ganz wesentlicher Treiber dafür.
Die Zahl der Langsamfahrstellen auf dem Netz sind explodiert, von durchschnittlich 190 pro Tag in 2022 auf über 300 aktuell und die Störungen im Schienennetz durch Anlage und Bau haben sich seit 2019 nahezu verdoppelt. Gleichzeitig ist der Verkehr auf der Schiene massiv angewachsen und zwar um 40 Prozent - Güterverkehr und Personenverkehr zusammen, seit 2005. Mehr Züge, mehr Nachfrage, mehr Druck auf ein System, das dafür in den vergangenen Jahren in keiner Weise ausreichend vorbereitet wurde.
INVESTITIONSRÜCKSTAU
Der Investitionsrückstau für die Schiene liegt bei 130 Milliarden Euro! Bei der aktuellen Preisentwicklung mit klarer Tendenz nach oben. Das ist die Realität, die Ausgangslage, die wir vorfinden. Die bekannte Formel liegt ganz nahe: Zu wenig Investitionen plus immer mehr Verkehr ist gleich Krise. Aber ich sage Ihnen auch, so einfach ist das nicht. Diese Analyse stimmt zwar, aber sie reicht nicht. Wenn wir glauben, dass wir allein mit mehr Geld alle Probleme des Systems lösen können, dann werden wir der Lage ganz sicherlich nicht gerecht werden. Das Auflösen des Investitionsstaus ist absolut notwendig - überhaupt keine Frage. Aber es ist eben auch nicht ausreichend. Was wir brauchen, ist mehr als mehr Geld. Wir brauchen an sehr vielen Stellen vor allem Veränderung. Diese Veränderung betrifft uns alle. Diese Veränderung muss tiefgreifend sein, sie muss konsequent sein und sie muss spürbar sein in der Eisenbahnpolitik, bei der Bahn, in der Branche, in unserem täglichen Handeln.
Jetzt geht es darum, Verantwortung zu übernehmen, alle gemeinsam, die Branche, der Bund und natürlich auch wir als Deutsche Bahn. Es geht darum, die Kräfte zu bündeln, nach vorne zu schauen und alte Muster hinter uns zu lassen. Mit den Investitionszusagen für dieses Jahr hat der Bund bereits ein sehr starkes Signal gesetzt: Über 23 Milliarden Euro für die Schieneninfrastruktur. Das ist nicht nur eine Verwaltung des Status quo, das ist eine echte Chance auf einen echten Wandel. Aber diese Summe darf eben auch kein Ausreißer nach oben bleiben. Sie muss der neue Maßstab werden.
VERLÄSSLICHKEIT
Denn eines ist klar: Ohne eine modernisierte und leistungsfähige Schieneninfrastruktur wird es niemals einen verlässlichen Bahnbetrieb in Deutschland geben können. Aber wir müssen auch ehrlich sein. Bis diese Schieneninfrastruktur - selbst wenn das Geld zur Verfügung steht - wirklich saniert wird und ordentlich funktioniert, werden mindestens zehn Jahre vergehen! Zehn Jahre volle Baustellen, Zehn Jahre voller Einschränkungen, Zehn Jahre, die uns und den Menschen in diesem Land sehr viel abverlangen werden. Das ist die Wahrheit. Alles andere wäre Augenwischerei.
Aber heißt das, der Aufbruch, den wir alle so dringend brauchen, kommt erst in zehn Jahren? Nein, das heißt es nicht. Das kann auch nicht unser Anspruch sein. Genau deshalb richten wir den DB-Konzern neu aus, konsequent auf die Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden. Mit unseren Sofortprogrammen, die wir gemeinsam mit dem Bundesverkehrsministerium entwickeln und umsetzen, wollen wir mehr Sicherheit und Sauberkeit an den Bahnhöfen. Wir wollen mehr Sauberkeit und Qualität in den Zügen. Wir wollen mehr spürbare Qualität im Allgemeinen, im Alltag. All das sind ganz konkrete, spürbare Verbesserungen im Jetzt. Denn Vertrauen entsteht nicht durch Versprechungen in der Zukunft, sondern durch Erlebnisse im Heute. Bei jeder Fahrt, jeden Tag.
VERÄNDERUNGSWILLE
Gleichzeitig gestalten wir bei der Bahn die tiefgreifendsten Veränderungen seit der Bahnreform von 1994: weniger Hierarchie, weniger Zentralisierung, weniger Komplexität, weniger Bürokratie. Dafür mehr Verantwortung vor Ort, mehr Unternehmergeist, mehr Klarheit. Der Vorstand ist bereits deutlich kleiner geworden, Führungsebenen sind bereits deutlich schlanker und die Verantwortung ist klarer. Wir treiben auch die Trennung von Gemeinwohl und Wettbewerb konsequent weiter. Das Jahr 2026 steht bei der Bahn voll und ganz im Zeichen des Umbaus.
Denn Umsetzung ist jetzt das entscheidende Wort. Genau daran wollen wir bei der Bahn uns messen lassen. Gleichzeitig brauchen wir Vertrauen in die Rahmenbedingungen des Eisenbahnsystems, in die Strukturen, die Leistungen ermöglichen und nicht Leistungen behindern. Die Taskforce hat konkrete Maßnahmen bereits vorgelegt: Bessere Koordination, stärkere Fokussierung auf die Knoten, bessere Informationen für die Kunden und vieles mehr. Die Richtung stimmt, ab jetzt zählt die Umsetzung. Das können nicht nur allein wir als Deutsche Bahn machen, da sind alle gefragt. Wir als Bahn stehen dafür bereit, entschlossen und konsequent, denn wir wissen, diese Aufgabe duldet keinen weiteren Aufschub.
TRASSENPREISE
Wir brauchen jetzt Effizienz, Leistungsfähigkeit und insbesondere Wirkung. Wir können es uns eben nicht leisten, das Mittel einfach so versickern in Bürokratie, in Reibungsverlusten und in falschen Anreizen - nicht in dieser Situation und nicht in dieser Verantwortung, die wir alle gemeinsam tragen. Zwei Punkte sind mir bei den Rahmenbedingungen noch ganz besonders wichtig:
- Erstens, die Trassenpreise. Das aktuelle System ist nicht zukunftsfähig. Das ist uns alles allen klar und das wissen wir auch nicht erst seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs. Explodierende Preise sind eben kein Fundament für Wachstum. Sie sind ein Bremsklotz für Wachstum. Die kurzfristige Unterstützung der Politik war wichtig und dafür sind wir auch sehr, sehr dankbar. Aber sie ersetzt eben keine Reform. Wir brauchen ein neues System, ein System, das Planungssicherheit schafft, das Investitionen ermöglicht und das die Schiene im Wettbewerb stärkt.
- Zweitens, der Infraplan. Der ist für die Infrago zentral für eine gute Zukunft und er muss noch in diesem Jahr kommen und er muss wirken, er muss langfristig wirken. Ohne eine planbare und verlässliche Finanzierung wird es kein funktionierendes Schienennetz geben und damit auch keine Effizienz. Und ohne Effizienz gibt es nun mal keinen Fortschritt.
DER NEUE GEIST
Wir alle stehen an einem entscheidenden Punkt. Wir haben es in der Hand. Wir können weitermachen wie bisher oder wir können gemeinsam die Richtung ändern. Ich bin überzeugt, wir haben alles, was es dafür braucht: Eine Branche, die zusammensteht, eine Politik, die handelt und ein Unternehmen, das sich gerade neu aufstellt. Ich spüre diesen Willen, ich spüre diesen neuen Geist und ich spüre auch diese Entschlossenheit. Genau daraus entsteht der Aufbruch, den wir in diesem Land für die Schiene brauchen. Nicht auf einen Schlag, aber Schritt für Schritt. Nicht irgendwann, sondern jetzt jeden Tag ein bisschen mehr. Lassen Sie uns diesen Weg gemeinsam gehen mit Mut, mit Klarheit und vor allem mit dem festen Willen, die Schiene in diesem Land wieder stark zu machen.“
Im Anschluss an die Rede diskutierten Vertreter aus Politik, Gewerkschaften und Branche über die Zukunft des Schienenverkehrs. Auf dem Podium saßen:
- Martin Burkert, Vorsitzender EVG
- Andreas Gehlhaar, Abteilungsleiter Eisenbahnen im Bundesministerium für Verkehr
- Michael Donth (MdB), Verkehrsausschuss des Bundestags
- Christian Kleinenhammann, COO und Arbeitsdirektor Transdev
- Michail Stahlhut, CEO Hupac Intermodal
Über die Inhalte der Podiumsdiskussion berichten wir ausführlich in Ausgabe 8/2026 der VerkehrsRundschau.