Den Konzern umkrempeln, ihn vom Kopf auf die Füße stellen, den Fahrgast wieder ins Zentrum rücken: Bahnchefin Evelyn Palla hat die eigene Messlatte gleich zu Beginn ihrer Amtszeit hoch gehängt. Der bundeseigene Konzern steckt seit Jahren in einer schweren Krise. Hohe Unpünktlichkeit, eine marode Infrastruktur, Milliardenschulden und tiefrote Zahlen gehören zu den Symptomen. Palla kennt die Probleme. Unter ihrem Vorgänger Richard Lutz verantwortete die gebürtige Südtirolerin im Konzernvorstand gut drei Jahre lang das Regionalverkehrsressort, ehe Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) sie an die Konzernspitze berief. Am Donnerstag, 8. Januar, ist sie seit 100 Tagen in diesem Amt.
Umbau des DB-Konzerns
Was konnte Evelyn Palla bisher erreichen? Mit Blick auf die strukturellen Probleme des überalterten und überlasteten Netzes, die die Hauptursache für die vielen Verzögerungen sind, hat Palla kurzfristige Erwartungen bereits gedämpft. „Wir können die Schiene nicht von heute auf morgen besser machen“, sagte sie im Dezember. Es gehe zunächst darum, die Pünktlichkeit zu stabilisieren. An anderer Stelle strebt die Konzernchefin hingegen einen Ruf als Durchgreiferin an. Im Dezember stellte sie ein Konzept zur grundsätzlichen Neuaufstellung der Bahn vor. Von etwa 3500 Stellen in der sogenannten Konzernleitung sollen rund 30 Prozent abgebaut werden. Allein auf der Ebene unterhalb des Konzernvorstands werden rund die Hälfte von derzeit 43 Führungsposten gestrichen. Bei den Töchtern DB Regio und DB Fernverkehr wurden die Vorstände verkleinert. Die Chefin der kriselnden Güterverkehrstochter DB Cargo, Sigrid Nikutta, musste gehen. Auch im Vorstand des Gesamtkonzerns wurden zwei Posten abgebaut.
Generalsanierung wird fortgesetzt
Maßnahmen, wie die von ihren jeweiligen Vorgängern eingeleitete Generalsanierung Dutzender vielbefahrener Strecken, führen Palla und Verkehrsminister Schnieder fort. Bis Mitte der 2030er Jahre sollen nach und nach mehr als 40 Korridore für mehrere Monate voll gesperrt und grundlegend saniert werden. Mehrere solcher Modernisierungen stehen bis dahin jedes Jahr an – oftmals verbunden mit großen Belastungen für Güterverkehrskunden und Fahrgäste. Langfristig soll das Netz dadurch aber wieder jünger und zuverlässiger werden.
Reaktionen aus der Branche
Nach Jahren der Krise bei der Bahn kommt Pallas Kurs bei wichtigen Akteuren in der Branche gut an. „Evelyn Palla hat in den ersten 100 Tagen angepackt und gezeigt, dass sie keine Zeit verliert bei der Neuaufstellung des Konzerns“, teilte der Geschäftsführer des Interessenverbands Allianz pro Schiene, Dirk Flege, mit. Auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) äußerte sich positiv: „Nach 100 Tagen lässt sich feststellen, dass Palla mit der Stärkung der Qualität und der Verlagerung von Kompetenzen in die Fläche richtige Schwerpunkte gesetzt hat“, teilte die stellvertretende EVG-Vorsitzende Cosima Ingenschay mit. Die großen Aufgaben lägen mit der Sanierung der Infrastruktur und dem Umbau des Konzerns aber noch vor ihr.
Kritik der Güterbahnen
Mit ihrem Programm geht Palla vor allem die Ziele an, die der Bundesverkehrsminister für die Schiene ausgegeben hat. Zufrieden äußerte sich Minister Schnieder zu Pallas bisheriger Arbeit. „Die ersten 100 Tage haben gezeigt, dass meine Personalentscheidung für Evelyn Palla richtig war“, teilte er mit. „Sie ist die ersten Schritte meiner Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene entschlossen angegangen.“ Palla verfügt somit über die finanzielle und politische Rückendeckung des Bundes und über die Zustimmung wichtiger Teile der Branche. Die Bewältigung der Krise wird gleichwohl noch viele Jahre in Anspruch nehmen.