Lieferkettenkrisen: Vielen Unternehmen fehlen klare Prozesse

22.10.2026 14:54 Uhr | Lesezeit: 3 min
Lieferantenbeziehungen Kombinierter Verkehr Lieferkette
Lieferketten: Unternehmen überschätzen ihre Resilienz
©Foto: VectorMine/ AdobeStock

Deutsche Unternehmen sehen sich besser für Lieferkettenkrisen gerüstet. Eine BSI-Studie zeigt jedoch deutliche Lücken bei Prozessen, Daten und Zusammenarbeit.

Deutsche Unternehmen blicken zunehmend selbstbewusst auf mögliche Störungen ihrer Lieferketten. Gleichzeitig bestehen deutliche Defizite bei Krisenprozessen, Datentransparenz und der Zusammenarbeit zwischen einzelnen Unternehmensbereichen. Das zeigt eine internationale Studie der Normungsorganisation BSI, für die weltweit 1.400 Führungskräfte befragt wurden, darunter mehr als 100 in Deutschland.

Drei Viertel der befragten deutschen Unternehmen rechnen damit, innerhalb der kommenden zwölf Monate besser auf Lieferkettenstörungen vorbereitet zu sein. Allerdings bezeichnet fast jedes dritte Unternehmen sein Risikomanagement weiterhin als überwiegend reaktiv.

Lieferkettenkrisen: Reaktion dauert häufig zu lange

Wie schnell Unternehmen tatsächlich auf eine Störung reagieren können, unterscheidet sich deutlich. 46 Prozent der deutschen Befragten geben an, noch am selben Tag Maßnahmen einleiten zu können.

Selbst bei Unternehmen mit einem permanent einsatzbereiten Krisenstab dauert es bei 23 Prozent jedoch bis zu drei Tage, bis dieser aktiviert wird. Zudem zeigt die Untersuchung, dass vorhandene Krisenpläne in der Praxis nicht immer eingehalten werden. Während des jüngsten Konflikts zwischen Iran und Israel wichen 48 Prozent der Unternehmen von ihrem zuvor vereinbarten Vorgehen ab.

Auch bei der Vorbereitung auf mögliche Szenarien bestehen Lücken: 46 Prozent planen eine abteilungsübergreifende Szenarioplanung, setzen diese nach eigenen Angaben jedoch nicht konsequent um.

Fehlende Daten erschweren das Risikomanagement

Ein weiteres Problem ist die Transparenz innerhalb der Lieferketten. 42 Prozent der deutschen Unternehmen fehlen aktuelle und verlässliche Daten, um bei Störungen schnell reagieren zu können.

Nur 34 Prozent wissen genau, an welchen Standorten ihre Lieferanten sitzen und welchen geografischen Risiken sie damit ausgesetzt sind. Gleichzeitig verfügen 44 Prozent über keinen formal dokumentierten Prozess für das Lieferketten-Risikomanagement.

Hinzu kommen interne Abstimmungsprobleme. Nur 32 Prozent haben klare Vorgaben dafür, wie unterschiedliche Abteilungen im Krisenfall miteinander kommunizieren sollen. Knapp ein Viertel sieht zudem Silodenken und mangelnde Zusammenarbeit als Hindernis für gute Entscheidungen.

Nearshoring und höhere Lagerbestände gegen Lieferkettenrisiken

Viele Unternehmen reagieren auf die Erfahrungen der vergangenen Jahre mittlerweile mit strukturellen Veränderungen ihrer Lieferketten. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Bevorratung: 79 Prozent wollen ihre strategischen Lagerbestände erhöhen.

72 Prozent setzen auf Nearshoring und wollen wichtige Geschäftsbereiche näher an ihre Absatz- oder Produktionsmärkte verlagern. 74 Prozent planen Veränderungen beim Einsatz der Verkehrsträger.

Fast jedes dritte Unternehmen rechnet sogar damit, bestehende Handelsrouten vollständig zu verändern. Jeweils 24 Prozent wollen neue Lieferanten suchen beziehungsweise ihr Sortiment verkleinern.

Cyberangriffe und geopolitische Krisen bleiben Risiken

Trotz der geplanten Maßnahmen fühlen sich nur 32 Prozent der befragten deutschen Unternehmen vollständig auf geopolitische Schocks vorbereitet. Bei Rohstoffengpässen und Cybervorfällen sinkt der Anteil jeweils auf 28 Prozent.

Auch Künstliche Intelligenz wird dabei nicht ausschließlich als Hilfsmittel betrachtet. Ein Drittel der Befragten geht davon aus, dass KI das Risiko von Diebstahl und Cyberkriminalität innerhalb der Lieferkette erhöhen könnte.

Höhere Lieferkettenkosten könnten Preise treiben

Die finanziellen Folgen der angespannten Situation könnten auch Kunden zu spüren bekommen. Ein Viertel der Befragten plant, innerhalb der kommenden sechs Monate die Preise zu erhöhen, um gestiegene Lieferkettenkosten auszugleichen.

Die Ergebnisse zeigen damit eine Diskrepanz zwischen wachsendem Vertrauen in die eigene Krisenfestigkeit und den tatsächlich vorhandenen Strukturen. Für Logistik- und Supply-Chain-Verantwortliche rücken deshalb neben alternativen Beschaffungs- und Transportrouten vor allem dokumentierte Krisenprozesse, bessere Lieferantendaten und eine engere abteilungsübergreifende Zusammenarbeit in den Mittelpunkt.


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