Studie: Deutsche Lieferketten werden widerstandsfähiger

19.10.2026 07:54 Uhr | Lesezeit: 3 min
Stockbild Lieferketten Kombinierter Verkehr
KI und Automatisierung stärken deutsche Lieferketten
©Foto: Travel mania/ AdobeStock

Deutsche Industrieunternehmen haben ihre Lieferketten stabiler aufgestellt. Doch hohe Energie-, Fracht- und Bauteilkosten sowie geopolitische Konflikte trüben die Aussichten.

Deutsche Industrieunternehmen sind heute besser gegen Störungen ihrer Lieferketten gewappnet als noch vor wenigen Jahren. Produktionsstillstände haben abgenommen und Lieferengpässe wirken sich seltener stark auf die Betriebe aus. Gleichzeitig wächst jedoch der wirtschaftliche Druck durch hohe Energie-, Fracht- und Beschaffungskosten.

Das geht aus dem aktuellen Lieferkettenreport von reichelt elektronik hervor, für den 500 Industrieunternehmen in Deutschland befragt wurden. Trotz robusterer Lieferketten blicken viele Betriebe skeptisch auf die kommenden Monate.

Produktionsstillstände gehen deutlich zurück

Nur noch 25 Prozent der Unternehmen berichten von großen Auswirkungen durch Lieferkettenengpässe. Im Vorjahr waren es noch 32 Prozent. Besonders deutlich zeigt sich die Verbesserung bei Produktionsunterbrechungen.

Während Maschinen und Betriebsabläufe vor drei Jahren im Durchschnitt noch 31,8 Tage stillstanden, waren es 2026 nur noch 20,1 Tage. Fast jedes vierte Unternehmen blieb komplett von Stillständen verschont. 2025 war dies lediglich bei 16 Prozent der Fall.

Eine schnelle weitere Verbesserung erwarten die Unternehmen allerdings nicht. 51 Prozent rechnen in den nächsten Monaten mit keiner Veränderung der Liefersituation.

Geopolitische Konflikte sorgen für Unsicherheit

Als Risiken für die Lieferketten nennen die Unternehmen insbesondere internationale Konflikte. 60 Prozent erwarten negative Auswirkungen durch den Krieg zwischen Iran und den USA. Fast ebenso viele sehen den Krieg Russlands gegen die Ukraine als Belastung. Auch Handelskonflikte zwischen der EU und China bereiten den Unternehmen Sorgen.

Damit verschiebt sich der Fokus zunehmend von der reinen Verfügbarkeit von Waren und Bauteilen auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen internationaler Lieferketten.


Energie- und Frachtkosten belasten Unternehmen

Preissteigerungen bei kritischen Bauteilen stellen für 78 Prozent der Befragten eine Herausforderung dar. Hohe Energiepreise folgen mit 76 Prozent. Gegenüber 2025 hat dieser Wert um neun Prozentpunkte zugelegt.

Auch steigende Frachtkosten beschäftigen 68 Prozent der Unternehmen, während 61 Prozent Rohstoffknappheit als Problem nennen.

Als größte Bedrohung für das eigene Geschäftsmodell gelten mit 44 Prozent die hohen Standortkosten in Deutschland. Dahinter folgen Abhängigkeiten von Importen kritischer Bauteile, bürokratische Hürden innerhalb der EU und die Rohstoffabhängigkeit von China.



Halbleiter bleiben kritischer Engpass

Bei einzelnen Produktgruppen entwickelt sich die Verfügbarkeit unterschiedlich. Halbleiter bleiben mit 46 Prozent die am häufigsten von Engpässen betroffene Produktgruppe.

Entspannter ist die Situation bei Ersatzteilen für Maschinen und Geräte. Hier sank der Anteil der betroffenen Unternehmen von 39 auf 30 Prozent. Auch bei Kabeln und Schläuchen ging der Wert deutlich zurück.

Verschärft hat sich dagegen die Situation bei Servern, NAS-Systemen und Netzwerktechnik: 19 Prozent der Unternehmen berichten hier von Problemen bei der Beschaffung. 2025 waren es acht Prozent.

Unternehmen setzen auf KI und Automatisierung

Um ihre Lieferketten widerstandsfähiger und effizienter aufzustellen, investieren viele Industrieunternehmen in digitale Technologien. 63 Prozent der Befragten nutzen bereits automatisierte Systeme, beispielsweise für Bestandsverwaltung, Warenein- und -ausgang oder automatische Nachbestellungen.

39 Prozent arbeiten mit Business-Intelligence-Systemen für Supply-Chain-Planung und Prognosen. Roboter und fahrerlose Transportsysteme kommen bei 34 Prozent zum Einsatz.

Auch KI-Agenten gewinnen an Bedeutung. 29 Prozent der Unternehmen nutzen bereits Agentic-AI-Systeme für automatisierte Entscheidungen. Potenzial sehen die Befragten insbesondere bei der Bestandsoptimierung und Lagerverwaltung sowie bei der automatisierten Erkennung und Bearbeitung von Störungen.

Druck verlagert sich von Verfügbarkeit auf Kosten

Der Lieferkettenreport deutet damit auf eine Verschiebung der Herausforderungen hin: Unternehmen haben ihre Prozesse widerstandsfähiger gegen Lieferausfälle gestaltet, gleichzeitig verschärfen hohe Kosten und geopolitische Unsicherheiten den wirtschaftlichen Druck.

Für Industrie und Logistik besteht die nächste Herausforderung deshalb darin, Lieferketten nicht nur resilient, sondern zugleich wirtschaftlich tragfähig zu gestalten. Automatisierung, KI und eine bessere Datennutzung könnten dabei zunehmend eine Rolle spielen.


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