Die Zeitenwende verändert nicht nur die Bundeswehr, sondern die gesamte Logistiklandschaft. Deutschland ist die zentrale Drehscheibe Europas – ein Land, durch das im Ernstfall Truppen, Material und Versorgungsgüter der NATO bewegt werden müssen. Mit dem neuen Operationsplan Deutschland (OPLAN D.E.U) liegt erstmals ein Konzept vor, das festlegt, wie das Land im Krisenfall funktionieren soll. Es umfasst Straßen, Schienen, Häfen, Flughäfen, Lagerflächen und digitale Systeme – also die komplette Infrastruktur, die Logistikunternehmen täglich nutzen. „Spätestens mit dem OPLAN ist klar geworden, dass Logistik nicht nur Wirtschaft ist, sondern kritische Sicherheitsfunktion“, sagt Christoph Meyer im Podcast.
Defense Logistics – Welche Rolle die Logistik in Deutschlands Zeitenwende spielt
Modernisierungsschub mit Folgen für die Branche
Die Bundeswehr erlebt derzeit die größte Modernisierung seit dem Kalten Krieg. Der Verteidigungshaushalt steigt auf über 86 Milliarden Euro, im kommenden Jahr sogar auf mehr als 108 Milliarden. Beschafft werden neue Schützenpanzer, Transportfahrzeuge, Drohnen, Kommunikationssysteme und persönliche Ausrüstung für bis zu 460.000 Soldatinnen und Soldaten. Diese Investitionen verändern die Anforderungen an die Logistik fundamental. Wir berichteten ausführlich über Defense Logistikin der VerkehrsRundschau 9/10.
Mehr Material bedeutet mehr Transport, mehr Lagerung, mehr Instandhaltung – und eine deutlich robustere Infrastruktur. Zehntausend neue militärische und tausend zivile Stellen sollen geschaffen werden. Sebastian Pieper bringt es im Gespräch auf den Punkt: „Die Modernisierung der Bundeswehr ist ohne die Leistungsfähigkeit der Logistikindustrie schlicht nicht machbar.“
Studie von BVL und Strategy&: Wo steht die Branche?
Vor diesem Hintergrund haben die Bundesvereinigung Logistik und Strategy& eine gemeinsame Studie gestartet. Sie soll klären, welche Unternehmen bereits Leistungen für den Verteidigungssektor erbringen – vom Gefahrguttransport über Lagerhaltung bis hin zum Betrieb kritischer Infrastruktur. Und sie soll zeigen, was die Branche braucht, um im Ernstfall zuverlässig liefern zu können.„Wir wollen ein realistisches Lagebild schaffen – nicht theoretisch, sondern aus der Praxis heraus“, erklärt Meyer. Die Ergebnisse der Studie sollen im Oktober auf der BVL Supply Chain CX in Berlin vorgestellt werden. Dort wird sichtbar werden, wie groß das Potenzial einer engeren Verzahnung zwischen Staat und Wirtschaft tatsächlich ist. Die Teilnahme an der Befragung, die Grundlage der Studie ist, ist hier noch möglich.
Militärische und kommerzielle Logistik: Zwei Welten, ein Ziel
Im Podcast wird deutlich, dass militärische und kommerzielle Logistik bislang oft nebeneinander existieren. Unterschiedliche Prozesse, unterschiedliche Prioritäten, unterschiedliche Kulturen. Doch im Krisenfall müssen beide Systeme ineinandergreifen. Pieper formuliert es so: „Militärische Logistik denkt in Redundanz, kommerzielle Logistik in Effizienz. Die Kunst wird sein, beides zusammenzubringen.“ Die Frage nach der Balance zwischen Effizienz und Resilienz zieht sich durch das gesamte Gespräch. Das klassische Just-in-Time-Prinzip stößt in sicherheitspolitisch unsicheren Zeiten an Grenzen. Lieferketten müssen widerstandsfähiger werden – ohne wirtschaftlich untragbar zu werden.
Was jetzt passieren muss
Zum Abschluss richten beide Experten einen klaren Appell an die Branche und an die Politik. Beide betonen, dass die Logistik in der Zeitenwende nicht länger als reine Unterstützungsfunktion betrachtet werden darf, sondern als integraler Bestandteil der nationalen Sicherheitsarchitektur. Damit dieser Rollenwechsel gelingt, braucht es nach ihrer Einschätzung vor allem klare Zuständigkeiten, damit im Ernstfall nicht unklar bleibt, wer welche Aufgaben übernimmt. Ebenso wichtig seien verlässliche Rahmenbedingungen, die Unternehmen Planungssicherheit geben und die Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft auf ein stabiles Fundament stellen.
Darüber hinaus müsse Deutschland gezielt in Infrastruktur investieren, um Transportwege, Umschlagpunkte und digitale Systeme widerstandsfähiger zu machen. Und schließlich brauche es eine gemeinsame Sprache zwischen militärischen und kommerziellen Akteuren, damit Prozesse, Erwartungen und Verantwortlichkeiten im Krisenfall ineinandergreifen können.
Sebastian Pieper fasst diesen Handlungsdruck im Podcast prägnant zusammen: „Die nächsten zwölf Monate sind entscheidend. Wenn wir jetzt nicht handeln, verlieren wir wertvolle Zeit.“