Die deutsche Automobilindustrie befinde sich im „tiefgreifendsten Strukturwandel ihrer Geschichte“ – meint der internationale Kreditversicherer Atradius. „Der Wandel, der sich in der Automobilindustrie vollzieht, ist kein zyklischer Abschwung. Es ist eine tiefgreifende Veränderung, der die gesamte Wertschöpfungskette erfasst und die Unternehmen vor enorme Herausforderungen stellt“, sagte Frank Schumacher, Manager Special Risk Management beim internationalen Kreditversicherer Atradius. Die deutschen Autobauer würden um ihre globale Wettbewerbsfähigkeit kämpfen.
Produktionsrückgang für die Automobilindustrie
Diese Entwicklung spiegelt sich laut Atradius auch in der Prognose von Oxford Economics wider, die für die deutsche Automobilindustrie einen Produktionsrückgang von 2,6 Prozent für dieses Jahr und einen weiteren Rückgang von 1,8 Prozent im Folgejahr sehen. Die Zeiten, in denen deutsche Automobilhersteller den globalen Markt technologisch anführten, gehören zunehmend der Vergangenheit an. Und obwohl deutsche Hersteller massiv in neue Elektrolösungen investieren, bleiben die erwarteten Erfolge bisher aus. Die Margen bei Elektrofahrzeugen liegen zudem unter jenen klassischer Verbrenner.
Systemischer Wettbewerbsvorteil chinesischer Hersteller
Zeitgleich agieren chinesische Unternehmen laut Atradius nach einem anderen Modell: Sie verfügen über autarke Wertschöpfungsketten, erzielen erhebliche Skaleneffekte und bringen neue Modelle deutlich schneller auf den Markt. Nutzer würden dabei bewusst als Testfahrer eingebunden, was Entwicklungszyklen erheblich verkürzt. „Chinesische Hersteller haben einen systemischen Vorteil aufgebaut“, erklärte Frank Schumacher. Der in China vom Staat geförderte Verdrängungswettbewerb fördere technologische Innovationen „in einem bisher nicht gekannten Ausmaß“, was einen spürbaren Rückgang von Absatzvolumen und Gewinnen bei deutschen Herstellern zur Folge habe.
Druck auf die gesamte Lieferkette
Der Druck auf die Hersteller trifft die gesamte Lieferkette. „Unternehmen, die ausschließlich auf den Verbrennungsmotor ausgerichtet sind und weder das Kapital noch die Strategie für die Transformation des E-Auto-Zeitalters haben, sind existenziell gefährdet“, sagte Frank Schuhmacher, fügte aber auch hinzu: „Allerdings sehen wir auch nach wie vor gelungene Restrukturierungen und Unternehmen, die ihre Hausaufgaben machen. Diese werden auch in Zukunft erfolgreich sein.“ Die starken und fitten Unternehmen würden sich durchsetzen.
Bürokratische Hürden und restriktiver Datenschutz
Die politischen Rahmenbedingungen verstärken zudem den Druck. Strenge CO2-Normen und Flottenverbrauchsvorgaben beschleunigen den Transformationsdruck auf deutsche Unternehmen, während bürokratische Hürden und restriktive Datenschutzregelungen Innovationen beim autonomen Fahren und bei der Digitalisierung bremsen. Die langfristigen Aussichten für den Standort Deutschland bleiben laut Atradius „anspruchsvoll“. Während die deutsche Automobilindustrie 2026 voraussichtlich um 2,6 Prozent schrumpfen wird, prognostiziert Oxford Economics für China ein Wachstum von 1,9 Prozent. Wenn der Strukturwandel daher nicht gelingt, droht Deutschland der Verlust einer weiteren Schlüsselindustrie an die globale Konkurrenz.