Der Arbeitsalltag der Fahrer von App-basierten Lieferdiensten für Essen, Lebensmittel und Waren – sogenannten „Delivery Rider“ – ist mit erheblichen Verkehrsrisiken verbunden, wie eine Studie der Technischen Universität Dresden im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) zeigt. Innerhalb eines Zeitraums von zwölf Monaten wurde eine Ereignisrate von 0,9 Unfällen pro Person festgestellt. Im Durchschnitt erlebten damit alle Lieferdienst-Fahrer knapp einen Unfall pro Jahr – eine sehr hohe Quote.
Lieferdienst-Fahrer haben ein hohes Unfallrisiko
Um das Unfallrisiko der Lieferdienst-Fahrer mit anderen Branchen vergleichen zu können, berechneten die Forscher die Tausend-Mann-Quote, die angibt, wie viele von 1000 Vollzeitbeschäftigten pro Jahr einen meldepflichtigen Arbeitsunfall erleiden. Das Ergebnis: Mit rund 298 Betroffenen liegt die Unfallquote der Lieferdienst-Fahrer deutlich über den Vergleichswerten anderer Wirtschaftszweige. Zum Vergleich: In der Verkehrswirtschaft, Postlogistik und Telekommunikation lag die Unfallquote im Jahr 2024 durchschnittlich bei rund 34 Betroffenen. Die Studie belegte, dass der Straßenraum für Rider mit besonderen Risiken verbunden ist, sagte Manfred Wirsch, Präsident des DVR.
Zeitdruck und Dunkelheit als Unfallursachen
Besonders häufig ereignen sich Unfälle während der klassischen Lieferdienst-Rushhour zwischen 18 und 21 Uhr, wenn das Bestellaufkommen besonders hoch ist. Rund die Hälfte aller Unfälle fällt in diesen Zeitraum, der häufig von Zeitdruck und Dunkelheit geprägt ist. Dabei sind 71 Prozent der erfassten Verkehrsunfälle von Lieferdienst-Fahrern Alleinunfälle. Als häufigste Ursache nannten 72 Prozent der Befragten rutschige Oberflächen durch Laub, Nässe oder Eis. Weitere relevante Faktoren sind unebene Untergründe durch Schlaglöcher oder Baumwurzeln (37 Prozent), Straßenbahnschienen (32 Prozent) und Bordsteinkanten (24 Prozent).
Häufig Pkw-Fahrer in Unfälle involviert
Bei Kollisionen mit anderen Verkehrsteilnehmern waren am häufigsten Pkw-Fahrer (23 Prozent) sowie Fußgängern (19 Prozent) beteiligt. Unfälle durch plötzlich geöffnete Autotüren parkender Fahrzeuge machten 11 Prozent aller Unfallsituationen aus. Bei etwa jedem zweiten Unfall erlitten Rider Verletzungen. Besonders betroffen waren Beine und Füße (73 Prozent) sowie Schultern, Arme und Hände (62 Prozent).
Aus der Studie abgeleitete Handlungsansätze
Aus den vorliegenden Ergebnissen wurden unter anderem folgende Handlungsansätze abgeleitet:
- Dort, wo Beschäftigungsverhältnisse von Ridern unklar sind – beispielsweise in Folge von Subunternehmerstrukturen – muss zunächst die Verantwortlichkeit als Arbeitgeber zugeordnet werden. Nur so können die Präventionsangebote der Berufsgenossenschaften die Beschäftigten erreichen.
- Arbeitgeber müssen die technische Ausgestaltung ihrer Plattformen weiterentwickeln. Sinnvoll sind verpflichtende Schlechtwetter-Regeln mit automatischen App-Pausen sowie witterungsangepasste Routenempfehlungen. Während der abendlichen Stoßzeiten sollten zusätzliche Zeitpuffer in die Lieferalgorithmen integriert werden.
- Die Kommunen sind gefordert, Radverkehrsanlagen sicher, durchgehend und regelwerksgerecht zu planen, regelmäßig zu prüfen und ganzjährig verkehrssicher zu halten. Zudem sollten im städtischen Raum Lieferbereiche geschaffen und beschildert werden, um gefährliches Parken auf Gehwegen zu verhindern.
- Die Lieferdienst- Fahrer selbst wünschen sich mehrsprachige digitale Kurzinformationen für das Smartphone, etwa zu den wichtigsten Risiken. Gemeinsam mit Präventionsakteuren und Unternehmen sollte der DVR deren Entwicklung unterstützen.
Die Studie zu Lieferdienst-Fahrern
Die Studie „Sicher unterwegs auf zwei Rädern: Verkehrsunfälle und Präventionspotenziale im Arbeitsalltag von Rider*innen“ wurde von der Professur für Verkehrspsychologie der Technischen Universität Dresden im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates und in Zusammenarbeit mit diesem durchgeführt. Online befragt wurde eine Stichprobe von 709 Fahrern von Fahrrädern, Pedelecs und Lastenrädern im urbanen Raum. Die Erhebung fand vom 18. Februar bis zum 19. April 2026 statt.