Zahlungsmoral in Deutschland verschlechtert sich
Deutsche Unternehmen müssen länger darauf warten, bis aus operativen Ausgaben wieder eingezogene Mittel werden. Das zeigt eine aktuelle Studie des Kreditversicherers Allianz Trade zur weltweiten Zahlungsmoral. Demnach hat sich der sogenannte Cash Collection Cycle in Deutschland 2025 weiter verlängert.
Der Wert lag bei 79 Tagen und damit deutlich über dem westeuropäischen Durchschnitt. Allianz Trade erwartet auch für 2026 eine weitere Verschlechterung.
Unternehmen warten länger auf ihr Geld
Ein wesentlicher Grund für die Entwicklung ist die sinkende Zahlungsmoral. Die durchschnittliche Forderungslaufzeit stieg in Deutschland 2025 auf 55 Tage. Damit dauert es länger, bis Unternehmen ihre Rechnungen bezahlt bekommen.
Für viele Betriebe bedeutet das eine stärkere Belastung der Liquidität. Kapital bleibt länger gebunden, während laufende Kosten weiter finanziert werden müssen.
Lagerbestände bleiben hoch
Zusätzlich bauen viele Unternehmen weiterhin größere Lagerbestände auf. Hintergrund ist der Wandel von einer möglichst schlanken Just-in-Time-Logik hin zu stärkerer Absicherung gegen Lieferkettenstörungen.
Statt ausschließlich auf Effizienz zu setzen, richten Unternehmen ihre Lieferketten zunehmend auf:
- Versorgungssicherheit,
- Resilienz,
- und Handlungsfähigkeit bei Störungen
aus.
Das erhöht zwar die Widerstandsfähigkeit, bindet aber zusätzlich Kapital.
Deutsche Firmen zahlen Lieferanten vergleichsweise schnell
Während Unternehmen in Deutschland länger auf Zahlungen ihrer Kunden warten, begleichen sie Rechnungen gegenüber Lieferanten im internationalen Vergleich relativ schnell.
Die Zahlungsdauer gegenüber Lieferanten lag 2025 bei 35 Tagen. Damit bleibt Unternehmen nur begrenzt Spielraum, spätere Zahlungseingänge durch längere Zahlungsziele auf der Einkaufsseite auszugleichen.
Allianz Trade sieht deutsche Firmen deshalb besonders anfällig für weitere Verschlechterungen bei Forderungslaufzeiten und Lagerhaltung.
Globale Lieferketten werden robuster, aber teurer
Auch weltweit hat sich der Geldkreislauf der Unternehmen verlängert. Der globale Cash Collection Cycle liegt inzwischen auf einem strukturell hohen Niveau.
Haupttreiber sind höhere Lagerbestände. Unternehmen reagieren damit auf geopolitische Risiken, Handelskonflikte und mögliche Unterbrechungen von Lieferketten.
Die Folge: Lieferketten werden robuster, aber kapitalintensiver.
Branchen unterschiedlich betroffen
In Deutschland verzeichnen vor allem einzelne Industriebereiche besonders lange Geldbindungszeiten. Dazu zählen unter anderem Computer- und Telekommunikationstechnik, Elektronik, Papier sowie Pharma.
Diese Branchen sind häufig stark von internationalen Vorprodukten, komplexen Lieferketten oder Lagerhaltung abhängig.
Ausblick bleibt angespannt
Für 2026 erwartet Allianz Trade in Deutschland eine weitere Verlängerung des Cash Collection Cycle. Die Kombination aus späteren Zahlungseingängen und hohen Lagerbeständen dürfte die Liquidität vieler Unternehmen zusätzlich belasten.
International könnten geopolitische Konflikte, Energiefragen und strategische Vorratshaltung den Trend weiter verstärken. Gleichzeitig könnten Investitionen in KI-Infrastruktur und Rechenzentren einzelne Branchen stabilisieren.
Bedeutung für Transport und Logistik
Für die Logistikbranche ist die Entwicklung besonders relevant. Steigende Lagerbestände verändern Warenströme, Flächennachfrage und Transportplanung. Unternehmen setzen stärker auf Vorratshaltung und resilientere Lieferketten, was zusätzliche Anforderungen an Lagerlogistik, Distribution und Bestandsmanagement stellt.
Gleichzeitig wirkt sich eine schwächere Zahlungsmoral direkt auf die Liquidität von Speditionen und Logistikdienstleistern aus. Wer länger auf Zahlungseingänge wartet, hat weniger finanziellen Spielraum für Investitionen in Fahrzeuge, Personal, Digitalisierung oder alternative Antriebe.
Damit wird professionelles Working-Capital-Management auch für Transport- und Logistikunternehmen zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor.