Patrick Lipiec geht auf die Terrasse vom Haus seiner Gastfamilie in Zentralamerika, weil es dort ruhiger ist. Die Telefonleitung bricht im Laufe des Gesprächs zweimal ab, doch der 25-Jährige nimmt es gelassen. Gerade besucht er eine Sprachschule in Guatemala und hat zum ersten Mal seit Jahren keine genaue Idee, wie es danach weitergeht: „Ich will gerade wirklich mal aushalten, keinen Plan zu haben“, erzählt er.
Denn bislang verlief sein beruflicher Weg ziemlich geradlinig – und steil bergauf. 2019 begann Lipiec seine Ausbildung bei Dachser am Standort Steißlingen am Bodensee. Der Weg in die Logistik lag für ihn nahe: Sein Großvater und seine beiden Onkel waren Lkw-Fahrer, sein Vater arbeitet im gleichen Betrieb als Disponent. „Das ist der größte Logistikdienstleister in der Region. Und ich hatte damit schon immer Kontakt“, erklärt Lipiec seine Entscheidung. An dem Beruf fand er von Anfang an besonders den internationalen Aspekt spannend. Ein Praktikum bei Dachser bestärkte ihn schließlich in seiner Entscheidung zu einer Kaufmannsausbildung.
Erst Ausbildung, dann Studium
Fest stand für Lipiec schon davor, dass auf die Ausbildung ein duales Studium folgen werde. Die Ausbildung sollte ihm zunächst das praktische Wissen vermitteln, das er anschließend mit der Theorie verbinden wollte. Rückblickend sieht er darin jedoch auch Verbesserungspotenzial: Vor allem die Berufsschule könnte aus seiner Sicht moderner werden. Themen wie Digitalisierung, neue Technologien und kreatives Denken sollten stärker berücksichtigt werden, findet er; Und statt junge Menschen lediglich Wissen auswendig lernen zu lassen, sollte die Branche die Perspektive der jungen Generation stärker nutzen: „Die Logistikbranche hat es nicht schwer, weil den Leuten die geografischen Kenntnisse fehlen, sondern weil Leute fehlen, die mal out of the box denken, die kreativ sind, die mutig sind“, moniert Lipiec.
Er plädiert deshalb dafür, die Erfahrung langjähriger Beschäftigter mit den neuen Impulsen jüngerer Kollegen zusammenzubringen. Gerade Auszubildende könnten Wissen um neue Technologien, mit denen sie aufgewachsen sind, sowie neue Denkweisen in ihre Unternehmen tragen – so können beide Seiten voneinander lernen und gemeinsam profitieren. „Man darf die Förderung von jungen Menschen nicht klein halten“, bringt er seinen Gedanken auf den Punkt.
Vom dualen Studium zur Führungskraft
Nach seiner Ausbildung absolvierte Lipiec wie geplant ein dreijähriges duales Studium in Logistik & Supply Chain Management und verbrachte währenddessen ein Auslandssemester an einer Universität in Taiwan. „Ich durfte mal die Welt beschnuppern, und konnte dabei wieder sehen, was es da draußen alles noch so gibt“, erzählt er fröhlich.
Anschließend stieg er am selben Dachser-Standort am Bodensee als Projektkoordinator ein. Schon kurz darauf ergab sich für ihn die Gelegenheit, interimistisch eine Führungsrolle für drei Teams mit insgesamt rund 50 Beschäftigten in einem Warehouse zu übernehmen. „Das war eine wahnsinnige Gelegenheit, aber auch ein wahnsinniger Sprung ins kalte Wasser“, erinnert er sich.
Fünf Monate lang sammelte er Führungserfahrung. Besonders gefallen habe ihm die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, Dinge zu gestalten und gemeinsam mit den Mitarbeitern Ideen auszuprobieren, berichtet er: „Gleichzeitig habe ich viele Sachen über mich selbst herausgefunden und konnte sehr viel lernen – auch, was ich in Zukunft machen will und was nicht.“ Sollte er noch einmal eine Führungsposition übernehmen, könne er sich eher ein kleineres Team mit Experten aus unterschiedlichen Bereichen vorstellen, sinniert Lipiec.
Nach seinem Ausflug in die Führungsposition kehrte er in seine Position als Projektkoordinator zurück. Vor wenigen Wochen verließ er schließlich das Unternehmen. Immerhin hat er das klassische Narrativ – Schule, Ausbildung, Studium, Job, „sich hochbuckeln“, Führungsposition – schnell hinter sich gebracht: „Dafür bin ich sehr dankbar, weil ich so früh herausfinden konnte, was für mich spannend ist und was ich nicht so interessant findet“, sagt er. Nach insgesamt rund sieben Jahren wollte er nun bewusst „aus diesem kontinuierlichen Plan aussteigen und mal gucken, was denn da sonst noch ist.“