Der deutsche Mittelstand steht vor tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen. Steigende Energiepreise, zunehmende Bürokratie, Fachkräftemangel sowie geopolitische Spannungen wirken sich spürbar auf Investitionen, Innovationsfähigkeit und internationale Wettbewerbspositionen aus. Vor diesem Hintergrund diskutierten am heutigen Mittwoch, 6. Mai, Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik beim Round Table Mittelstand in Berlin, wie der Wirtschaftsstandort Deutschland wieder attraktiver gestaltet werden kann.
Eröffnet wurde die Veranstaltung von Friederike Welter (IfM Bonn/Universität Siegen). Sie betonte die Anpassungsfähigkeit mittelständischer Unternehmen, machte diese jedoch klar von geeigneten politischen Rahmenbedingungen abhängig: „Die mittelständische Wirtschaft steht gegenwärtig vor zahlreichen Herausforderungen – von Fachkräftemangel und Bürokratiebelastung bis hin zu geopolitischen Veränderungen. Doch wir wissen auch: Der Mittelstand ist anpassungsfähig und findet immer wieder innovative Lösungen. Entscheidend dafür sind jedoch geeignete Rahmenbedingungen, die eine schnelle Anpassung an neue Anforderungen ermöglichen“, so Welter.
Ende April zeigte sich der Mittelstand vorsichtig optimistisch.
Geopolitik, Energiepreise und globale Konkurrenz
Die Einschätzung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit fällt im Mittelstand zunehmend unterschiedlich aus. Jennifer Abel-Koch (KfW) verwies auf einen wachsenden Anteil von Unternehmen, deren Zuversicht aufgrund geopolitischer Krisen, der US-Zollpolitik und der steigenden Konkurrenz aus China sinkt. Gleichzeitig zeigten sich jene Betriebe robuster, die kontinuierlich in Forschung, Entwicklung und Prozessinnovationen investieren – insbesondere mit Blick auf Effizienzsteigerungen bei steigenden Lohn- und Energiekosten.
Unverändert kritisch bewertet der Mittelstand jedoch strukturelle Standortfaktoren: Bürokratie, Steuerlast und Energiekosten gelten weiterhin als zentrale Risiken für den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Darum ging es auch als vor einer Woche Bundeskanzler Friedrich Merz das Transportunternehmen Akkermann in Moormerland besuchte: Im Austausch mit dem BGL wurde die Zukunft des mittelständischen Straßengüterverkehrs besprochen.
Energie als Standortfaktor für Industrie und Logistik
Wie stark hohe Energiepreise Investitionen hemmen, verdeutlichte Mathias Mainz (IHK NRW). „Gut 41 Prozent der Unternehmen sind der Ansicht, dass ihre Wettbewerbsfähigkeit darunter leidet. Viele Unternehmen müssen Investitionen in ihre Kernprozesse oder in Forschung und Innovationen zurückstellen“, erklärte Mainz.
Auch aus Sicht von Freya Onneken und Johannes Schindler (beide BDI) besteht politischer Handlungsbedarf. Angesichts der aktuellen Preis- und Versorgungslage sei unter anderem eine Entfristung der Stromsteuersenkung für den produzierenden Bereich sinnvoll. Für energieintensive Branchen sowie vor- und nachgelagerte Logistikprozesse bleibt die Energieversorgung damit ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.
Reformstau belastet Betriebe
Eine klarere wirtschaftspolitische Linie forderte Constantin Terton (ZDH). Er kritisierte eine Vielzahl einzelner Reformvorschläge ohne übergeordnetes Gesamtkonzept: „Immer neue Einzelvorschläge, was zu tun sei, sorgen für erhebliche Irritationen und Verunsicherung bei Betrieben und Beschäftigten. Insbesondere der Mittelstand braucht endlich ein seitens der Politik abgestimmtes Gesamtkonzept für Reformen“, so Terton.
Zu den notwendigen Elementen zählte er die Umsetzung angekündigter Entlastungen, gezielte Investitionen aus Sonderschulden, Reformen der sozialen Sicherungssysteme sowie eine kritische Überprüfung staatlicher Aufgaben.
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Regulierung zwischen Hemmnis und Marktchance
Am Beispiel der Kreislaufwirtschaft zeigten Michael Rothgang und Jochen Dehio (RWI Essen), dass Regulierung für mittelständische Unternehmen sowohl Belastung als auch Impulsgeber sein kann. „In der Ausgestaltung der regulatorischen Rahmenbedingungen ist eine konsequente Kosten-Nutzen-Abwägung nötig. Konkrete Vorschriften müssen in der Praxis erprobt und an sich verändernde Umstände angepasst werden“, lautete ihr Fazit. Gerade für technologieorientierte Betriebe und spezialisierte Dienstleister können daraus neue Märkte entstehen.
Selbstständigkeit verliert an Attraktivität
Die Attraktivität unternehmerischer Selbstständigkeit gilt als wichtiger Indikator für die Standortqualität. Natalia Gorynia-Pfeffer (RKW Kompetenzzentrum) zeigte, dass zwar weiterhin eine hohe gesellschaftliche Wertschätzung für Gründerinnen und Gründer besteht, sich jedoch viele gründungsrelevante Rahmenbedingungen seit 2022 verschlechtert haben.