Europaweit finden jährlich mehr als dreitausend große Festivals statt, dazu Tausende kleinere Kultur‑ und Musikfeste. Deutschland allein zählt rund fünfhundert bis sechshundert Musikfestivals. Die Dimensionen sind enorm: Glastonbury produziert rund zweitausend Tonnen Abfall, Roskilde etwa tausend, Tomorrowland bis zu fünfzehnhundert Tonnen. Selbst Rock am Ring kommt auf vierhundert bis fünfhundert Tonnen – in nur drei Tagen.
Einer, der diese Welt seit Jahren kennt, ist Oliver Kuckuck, Geschäftsführer von Retec Berlin. Er erklärt in der aktuellen Podcastfolge von VR Funk, warum Festivalreinigung weit mehr ist als Kehren und Containerstellen – und weshalb Berlin ein besonders anspruchsvolles Pflaster ist.
Tonnenweise Party – Wie Festivals ihren Müll bewältigen
Die unsichtbare Stadt hinter der Bühne
Europaweit finden jährlich mehr als dreitausend große Festivals statt, dazu Tausende kleinere Kultur‑ und Musikfeste. Deutschland allein zählt rund fünfhundert bis sechshundert Musikfestivals. Die Dimensionen sind enorm: Glastonbury produziert rund zweitausend Tonnen Abfall, Roskilde etwa tausend, Tomorrowland bis zu fünfzehnhundert Tonnen. Selbst Rock am Ring kommt auf vierhundert bis fünfhundert Tonnen – in nur drei Tagen.
Berlin spielt in dieser Landschaft eine Sonderrolle. Die Hauptstadt hat weniger Camping, dafür gigantische urbane Events: Lollapalooza, Karneval der Kulturen, Fête de la Musique, PopKultur, Atonal. Lollapalooza allein erzeugt bis zu zweihundert Tonnen Abfall pro Wochenende, der Karneval der Kulturen bis zu dreihundertfünfzig Tonnen – verteilt über mehrere Kilometer Innenstadt.
Was liegen bleibt – und warum es immer mehr wird
Die Müllarten unterscheiden sich je nach Festivaltyp deutlich. Campingfestivals kämpfen mit Zelten, Stühlen, Grills, Gasflaschen, Matratzen und Kleidung. Manche Veranstalter berichten von bis zu fünftausend zurückgelassenen Zelten. Urbane Festivals dagegen produzieren vor allem Getränkebecher, Essensverpackungen, Glas, Dosen, Papier und Zigaretten. Lollapalooza hat über eine Million Becher im Umlauf – trotz Mehrweg.
Gleichzeitig hat sich die Festivalgastronomie verändert. Aus Wurst‑Pommes‑Bier ist ein kulinarisches Ökosystem geworden: Foodtrucks, vegane Küche, Bowls, Craft Beer, Barista‑Kaffee. Nachhaltige Verpackungen wie Bambus, Bioplastik oder Holzschalen wirken umweltfreundlich, sind aber oft schwer zu recyceln, weil sie nicht sortenrein gesammelt werden.
Stoffliche versus thermische Verwertung
Oliver Kuckuck beschreibt die Herausforderung so: „Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen stofflicher und thermischer Verwertung. Stofflich heißt: Materialien wie Metall, Glas oder bestimmte Kunststoffe können wieder in den Kreislauf zurück. Thermisch bedeutet: Der Abfall wird energetisch verwertet, also verbrannt. Je besser die Trennung vor Ort funktioniert, desto mehr schaffen wir in die stoffliche Verwertung – aber dafür müssen die Ströme sauber sein.“
Gerade bei großen Festivals ist das schwierig. Trotz wachsendem Umweltbewusstsein der jüngeren Generation steigen die absoluten Mengen weiter. Mehr Besucher, mehr Food‑Angebote, mehr Verpackungen – und damit mehr Sortieraufwand.
Nächte im Ausnahmezustand
Die eigentliche Arbeit beginnt oft erst, wenn die letzten Besucher das Gelände verlassen haben. Dann müssen Flächen innerhalb weniger Stunden wieder nutzbar sein – für Behörden, Anwohner oder die nächste Veranstaltung. Presscontainer, mobile Sortierlinien und digitale Stoffstromanalysen helfen, aber vieles bleibt Handarbeit.
„Am Ende ist Festivalreinigung immer noch ein Job, der zu einem großen Teil händisch passiert“, sagt Kuckuck. „Unsere Teams laufen Kilometer um Kilometer, sammeln Müll per Hand ein, sortieren vor, ziehen sperrige Teile aus dem Gelände. Maschinen helfen, aber sie ersetzen nicht die Menschen, die nachts draußen stehen und das Gelände wirklich sauber machen.“