Deutschland baut derzeit die größten Stromtrassen seiner Geschichte. Südlink und Südostlink sollen künftig bis zu vier Gigawatt elektrische Leistung transportieren – genug, um Metropolregionen wie München, Nürnberg und Stuttgart gleichzeitig zu versorgen. Doch bevor die Energie fließen kann, müssen kilometerlange Erdkabel verlegt werden, deren Logistik kaum jemand kennt.
Die Rhenus AG ist ein wichtiger Player im Logistik-Konzept der Trassen-Baustellen. Schon die Dimensionen sind außergewöhnlich. Eine einzige Kabeltrommel für eine HGU‑Leitung wiegt bis zu 95 Tonnen und misst rund zehn bis zwölf Meter Länge bei einem Durchmesser von über vier Metern. „Der Großteil der Kabeltrommeln bewegt sich bei Stückgewichten von siebzig bis maximal fünfundneunzig Tonnen“, erklärt Jannis Böttcher im Gespräch. Jede Trommel enthält rund 400 Meter Kabel – und jeder Meter kostet über 1.000 Euro.
Deutschlands neue Stromtrassen – Warum der Transport der Kabel so komplex ist
Wochenlange Planungen nötig
Damit beginnt ein logistisches Puzzle, das sich über Wochen zieht. Die Transporte starten an europäischen Produktionsstätten, werden per Binnenschiff, Küstenmotorschiff und Lkw kombiniert und erreichen schließlich die Zwischenlager entlang der Trassen. „Wir beginnen mit der Planung in der Regel vier bis sechs Wochen vor einem festgelegten Abholtermin“, sagt Böttcher. Ziel sei eine möglichst geringe Gesamtlaufzeit und minimale Zwischenlagerung.
Die größte Herausforderung liegt jedoch auf der Straße. Brücken, die für solche Lasten nie ausgelegt waren, enge Ortsdurchfahrten, Kreisverkehre und Witterung sorgen für ständige Anpassungen. „Bei den Gesamtgewichten über die wir hier sprechen, ist das Überqueren von Brücken nicht immer möglich“, so Böttcher. Oft müssen Routen kurzfristig geändert, Schilder demontiert oder Stahlplatten ausgelegt werden, wenn Grünstreifen überfahren werden müssen.
Komplizierte Genehmigungsverfahren
Auch die Genehmigungslage ist komplex. Für jeden einzelnen Transport sind bis zu 20 Einzelgenehmigungen nötig – von Polizei über Straßenbauämter bis zu kommunalen Freigaben. Verzögerungen können den gesamten Bauablauf gefährden, denn die Kabel werden direkt vom Lkw in den Schacht eingezogen. Zwischenlagerung ist nicht vorgesehen.
Sicherheit steht dabei an erster Stelle. „Für jede Maßnahme sind projektspezifische Sicherheitsvorgaben definiert“, betont Böttcher. Dazu gehören regelmäßige Schulungen, Inspektionen der eingesetzten Maschinen und sogenannte Toolbox Talks vor jedem Lift, bei denen exakt abgestimmt wird, wer was wann zu tun hat.
Bis zu 50 Personen können an einem einzigen Transport beteiligt sein – verteilt auf Häfen, Verkehrsträger und Baustellen. Ein Aufwand, der zeigt, wie viel Logistik hinter der Energiewende steckt. Und wie entscheidend präzise Planung ist, damit die neuen Stromtrassen Deutschlands Versorgungssicherheit tatsächlich erhöhen.