Keine Entspannung: Niedrigwasser könnte Preise treiben und Wirtschaft belasten

17.08.2026 17:01 Uhr | Lesezeit: 3 min
Contaienr wird von einem Kran von einem Güterzug auf ein Binnenschiff geladen
Sinkende Pegelstände erschweren Transporte auf Rhein und Donau. Ausfallende Binnenschiff-Kapazitäten sollen zum Teil über Schiene und Straße aufgefangen werden. Welche Folgen für Industrie und Wirtschaft sowie auf die Preise kann das Niedrigwasser haben? (Symbolbild)
© Foto: Contargo

Anhaltendes Niedrigwasser auf Rhein und Donau belastet die Wirtschaft. Experten, Verbände und Unternehmen warnen vor Folgen für Lieferketten, Industrie und Wirtschaft. Sie fordern mehr Klimaresilienz.

Das anhaltende Niedrigwasser auf Rhein und Donau könnte nach Einschätzung von Ökonomen die Preise für wichtige Rohstoffe und Produkte erhöhen sowie die Industrieproduktion belasten. Eine Entspannung bei den Pegelständen ist zudem nicht in Sicht.

Unter anderem hat die Wirtschaftsweise Veronika Grimm steigende Preise als Folge des Niedrigwassers auf deutschen Wasserstraßen und die dadurch verursachten Transportprobleme vorhergesagt. Sie mahnte außerdem die Politik, sich mit Strategien zur Klimaresilienz auf solche Lagen vorzubereiten.

„Bei ineffizienter Rationierung kann Niedrigwasser die Preise auch unnötig in die Höhe treiben“, sagte Grimm dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. In der Chemie gebe es Effekte, auch im Energiemarkt. „Der Transport von Öl zu Raffinerien ist von den niedrigen Pegelständen betroffen.“ Wie stark die Preise bei verschiedenen Grundstoffen reagieren, hänge davon ab, welche Lagerkapazitäten die Unternehmen jeweils aufgebaut haben.

Veronika Grimm fordert mehr Klimaresilienz statt Notfallmaßnahmen

Im Hinblick auf Anpassungen an den Klimawandel kritisierte Grimm eine mangelnde Weitsicht in der Politik. Das Sonntagsfahrverbot für Lkw zu lockern, sei zwar eine richtige Maßnahme, „allerdings wäre es gut, wenn man auf solche Situationen vorbereitet wäre, anstatt ad hoc Notmaßnahmen zu diskutieren“, so Grimm.

Diese Auswirkungen des Klimawandels seien vorhersehbar. „Politik macht keinen guten Eindruck, wenn sie sich von Krise zu Krise hangelt und nicht systematisch Strategien zur Anpassung an den Klimawandel entwickelt.“

Niedrigwasser: Warum eine Vertiefung des Rheins keine Lösung ist

Die Diskussion über die Folgen des Niedrigwassers beschränkt sich jedoch nicht auf politische Strategien zur Klimaresilienz. Auch für die Verkehrsinfrastruktur und die Binnenschifffahrt stellt sich die Frage, wie sich die Transportprobleme auf Rhein und Donau künftig abmildern lassen.

Die Transportprobleme durch Niedrigwasser ließen sich nicht einfach durch eine Vertiefung von Flüssen lösen, spricht Grimm auch diesen Aspekt an. Diese Option müsse man sorgfältig evaluieren – und dabei auch ökologische Folgen berücksichtigen.

„Vertiefungen an einzelnen Stellen der Fahrrinnen könnten angezeigt sein, aber eine Vertiefung schafft ja kein zusätzliches Wasser.“ Die Politik solle daher auch Pläne zur Priorisierung von Transporten ausarbeiten.

DB Cargo reagiert mit zusätzlichen Güterwaggons

Während über langfristige Maßnahmen für die Wasserstraßen diskutiert wird, suchen Unternehmen und Logistiker bereits nach kurzfristigen Alternativen zum Transport auf dem Rhein. Dabei rückt unter anderem die Schiene als Ersatz für ausfallende Schiffstransporte in den Fokus. Die Bahn-Tochter DB Cargo will hierfür auch alte Güterwaggons reaktivieren. Darüber berichtet die „Rheinischen Post“.

In einem der Zeitung vorliegenden Papier heißt es, zusätzlich werde „die Reaktivierung dauerhaft abgestellter Güterwagen geprüft und vorbereitet“. Die Bahn-Tochter könne „unmittelbar“ 900 Wagen mobilisieren, 300 davon sofort. 900 Wagen könnten laut DB-Cargo-Chef Bernhard Osburg 200 Binnenschiffe ersetzen.

Debatte über mehr Güterverkehr auf der Schiene als Ersatz für ausfallende Binnenschiffe

Die Verlagerung von Gütertransporten von der Binnenschifffahrt auf die Schiene wird grundsätzlich begrüßt. Allerdings sehen Verbände die Gefahr neuer Engpässe im ohnehin stark ausgelasteten Bahnnetz.

Der Fahrgastverband Pro Bahn bewertet dies positiv, fürchtet aber, dass das zu Einschränkungen im Personenverkehr führen könnte. „Mehr Güter auf die Schiene: ja. Weniger Züge für Fahrgäste: nein“, sagt Lukas Iffländer, Bundesvorsitzender des Verbandes laut einer Mitteilung. „Wer Güter- und Personenverkehr um dieselben knappen Trassen kämpfen lässt, hat den Ausbau zu lange verschleppt.“

Iffländer nimmt auch die Unternehmen in die Verantwortung: „Niedrigwasser am Rhein ist kein überraschendes Ereignis. Wer seine Lieferketten trotzdem so aufstellt, dass bei Niedrigwasser hektisch nach zusätzlichen Transportkapazitäten gesucht werden muss, hat nicht ausreichend vorgesorgt“, so der Chef von Pro Bahn. „Hektik im Krisenfall ersetzt keine langfristige Logistikstrategie.“

Damit bezieht er sich wohl auch auf die Initiative von Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU). Der Minister setzt sich wegen des Niedrigwassers dafür ein, Schiffsfracht auf Schienen und Straßen zu verlagern.

Verband fordert bessere Nutzung von Gleisanschlüssen

Neben der Diskussion um verfügbare Trassen verweisen weitere Branchenvertreter wie der Verband nichtbundeseigener Eisenbahn-Infrastrukturbetreiber (VNEI) auf bestehende Infrastrukturreserven, die im Zuge der Niedrigwasserlage stärker genutzt werden könnten. „Niedrigwasser, Streiks, Baustellen: Jedes Mal zeigt sich aufs Neue, wie wenig Ausweichmöglichkeiten unser Güterverkehr hat“, sagt VNEI-Präsident Jörn Schneider.

„Ein Teil davon liegt näher, als viele denken. Zahlreiche Werke, die jetzt auf Bahn und Lkw ausweichen müssen, sind an nichtbundeseigene Gleisanschlüsse angebunden. Diese Kapazität nützt nur, wenn die Strecken vorher instandgehalten wurden. Redundanz baut man nicht in der Krise, sondern davor.“

Der Verband zielt damit auf eine Förderung von Instandhaltung und Investitionen in diese Eisenbahninfrastruktur ab. Er möchte zudem, dass auch diese Gleisanschlüsse als Teil der nationalen Redundanzplanung anerkannt werden.

Niedrigwasser belastet vor allem die Chemieindustrie

Besonders relevant sind funktionierende Ausweichrouten für jene Wirtschaftszweige, die in hohem Maße auf die Binnenschifffahrt angewiesen sind. Dazu zählt vor allem die chemische Industrie entlang des Rheins.

Das Rhein-Niedrigwasser setzt so auch nach Einschätzung der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) vor allem die chemische Industrie unter Druck. Zwar würden über den Rhein häufig geringwertige Massengüter wie Kohle, Sand oder Bergbauprodukte verschifft, sagte eine Sprecherin der „Rheinischen Post“ am 17. August.

Allerdings verbinde der Rhein auch zahlreiche der großen Standorte der Chemischen Industrie, in denen petrochemische Vorprodukte weiterverarbeitet werden. Würden keine Maßnahmen angestoßen, mit der man die Resilienz der Wasserstraßen verbessere, könne die Binnenschifffahrt ihre Vorteile künftig nicht mehr ausspielen.

Rheinpegel in Düsseldorf erreicht historischen Tiefststand

Wie stark sich die aktuelle Lage auf Industrie und Lieferketten auswirken kann, zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Pegelstände am Rhein. Das Niedrigwasser am Rhein hat so in Düsseldorf einen historischen Tiefststand erreicht. Der Pegelstand sank erstmals in den Negativbereich, wie aus den aktuellen Daten des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Rhein hervorgeht. Am Sonntagmorgen (16. August) ist demnach in Düsseldorf der Pegelstand auf minus 1 Zentimeter zurückgegangen.

Die Fahrrinne ist deutlich tiefer als der jeweilige Pegelstand am Ufer. Im Verlauf der neuen Woche wird ein leichter Anstieg des Pegelstandes auf 10 Zentimeter erwartet. Der Wasserstand des Rheins wird damit aber auch weiterhin auf einem sehr niedrigen Niveau bleiben. Wie die Behörde mitgeteilt hatte, fahren kaum noch Schiffe.

Experten erwarten Niedrigwasser am Rhein bis in den Herbst

Eine schnelle Entspannung der Situation zeichnet sich nach Einschätzung von Hydrologen und Gewässerexperten derzeit nicht ab. Denn trotz des vorhergesagten Regens rechnen Experten nicht mit einem baldigen Ende des Rhein-Niedrigwassers.

Die Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz teilte am 13. August in ihrem wöchentlichen Bericht dazu mit, wenn die erwarteten Niederschläge tatsächlich fielen, könnte der Rhein in der neuen Woche „um einige Dezimeter steigen“ - also um mehrere zehn Zentimeter. Die „ausgeprägte Niedrigwassersituation“ wäre dann jedoch bei weitem nicht beendet. Eine „substanzielle Entspannung“ zeichne sich laut sogenannten Sechs-Wochen-Vorhersagen „nicht vor Anfang Oktober ab“.

Am 12. August hatte auch Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) nach der Schaltkonferenz mit den Ländern zu Niedrigwasser erklärt: „Die nächsten Wochen werden anspruchsvoll. Die Wasserstände an Rhein und Donau bleiben vorerst sehr niedrig.“ Diese großen Flusssysteme benötigen Fachleuten zufolge sehr viel Regen, um wieder deutlich anzusteigen – auch mehrere Schauer würden dafür nicht ausreichen.

Fehlende Adventsflut und Frühjahresflut machen sich bemerkbar

Der einstige langjährige Chef der Kauber Rheinfähre zwischen Rüdesheim und Koblenz, Heinz-Dieter Kimpel, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Früher hatten wir die Adventsflut und die Frühjahresflut. Das hat jetzt gefehlt.“

 Der 83-Jährige ergänzte: „Echtes Niedrigwasser in dieser Jahreszeit hatten wir noch nie. Normalerweise kommt das erst im Herbst.“ Niedrige Pegelstände auch noch im September und Oktober halte er daher für gut möglich. Kimpel wohnt seit etlichen Jahrzehnten am Kauber Rheinufer.

Die Folgen des Niedrigwassers für Rhein, Binnenschifffahrt und Lieferketten sind inzwischen auch Gegenstand wirtschaftlicher Analysen. Mehrere Studien untersuchen, welche Auswirkungen die niedrigen Pegelstände auf Industrie und Wachstum haben können.

IKB analysiert Folgen für die deutsche Wirtschaft

So analysieren auch Ökonomen inzwischen die möglichen Folgen des Niedrigwassers für Industrieproduktion und Wirtschaftswachstum.

Die IKB Deutsche Industriebank hat zum Beispiel untersucht, welche Industriebranchen am stärksten vom Niedrigwasser betroffen sind und wie sich die niedrigen Pegelstände auf das Wachstum der Branche auswirken könnte. Wenn die Trockenheit weiter anhält, sei von Belastungen für die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal auszugehen, so die Analysten der Bank.

Den Schätzungen zufolge wirkt sich das anhaltende Niedrigwasser vor allem auf die Chemieindustrie, Mineralölverarbeitung und Kokereien aus. Damit kommen die Analysten auf eine Ähnliche Einschätzung wie auch die DIHK.

Laut IKB wickelt die Chemieindustrie gut 11 Prozent der gesamten Beförderungsmenge über den Transport durch Binnenschiffe ab. Das verarbeitende Gewerbe könnte die Auswirkungen über Ausstrahleffekte aus der Chemieindustrie spüren, heißt es in der Analyse weiter. Auf Maschinenbau, Automobil-, Metall- und Elektroindustrie sei der Einfluss überschaubar.

Rheinpegel bei Kaub: Unter 78 Zentimeter hat Folgen für Industriewachstum

Für ihre Bewertung der wirtschaftlichen Auswirkungen greifen Wissenschaftler häufig auf den Rheinpegel bei Kaub zurück. Der Messpunkt gilt als wichtiger Indikator für die Leistungsfähigkeit der Binnenschifffahrt in Deutschland.

Auch die Analysten der IKB nutzten diese als Basis. Sie beziehen sich auf eine Untersuchung des Kieler Instituts zur Dürre von 2018 und haben Daten bis zum zweiten Quartal 2026 ausgewertet. Die Kieler Forscher fanden damals heraus: Ein Tag der Unterschreitung des Pegels von 78 cm am Messpunkt Kaub verringert das monatliche Industriewachstum um etwa 0,04 Prozentpunkte – mit weiteren Negativfolgen im darauffolgenden Monat. Die Forscher nutzen den Pegelstand unter anderem, da 80 Prozent der Binnenschifffahrt über den Rhein stattfindet.

Die IKB-Analysten geben zu bedenken, dass der negative Effekt bei deutlich niedrigen Wasserständen zunehmen dürfte, da die Ladung der Schiffe weiter reduziert oder der Verkehr komplett eingestellt werden müsste. Aufgrund des Ausmaßes des aktuellen Niedrigwassers sei es wahrscheinlich, dass die Chemieproduktion im dritten Quartal zurückgehen werde. Jeder Tag mit Niedrigwasser im dritten Quartal verringert nach den Berechnungen der Analysten das Wachstum der Chemieproduktion um etwa 0,06 Prozentpunkte.

Anpassungen der Wirtschaft nach der Dürre von 2018 könnten positive Effekte bringen

Verhindern lassen könnte sich ein Rückgang des Wachstums nur, wenn die Dürre nicht länger als 52 Tage (bis in die erste Septemberwoche) anhalte und weitere Treiber wie eine deutliche Erholung der globalen Industrieproduktion hinzukämen.

Gleichzeitig weisen die Experten darauf hin, dass Unternehmen und Logistikdienstleister seit den Niedrigwasserereignissen der vergangenen Jahre bereits Anpassungen vorgenommen haben. Die Analysten schränken daher ein: „Die Ergebnisse berücksichtigen jedoch nicht die möglichen Anpassungen der Unternehmen auf die Dürre im Jahr 2018. Höhere Lagerbestände, Diversifizierung der Logistik sowie Anpassung der Schiffsflotte mögen den geschätzten Effekt reduzieren.“

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