Sie sind Chef des Transportunternehmens Brähler. Die Bundesregierung will die Sprit- und Dieselpreise um 17 Cent pro Liter senken. Konkret soll dafür die Energiesteuer um 14 Cent gesenkt werden. Die Mehrwertsteuer eingerechnet ergibt sich also an der Zapfsäule eine Entlastung von bis zu 17 Cent pro Liter. Heute ist das Ganze im Bundestag und Bundesrat. Reicht dieses Entlastungspaket?
Das Entlastungspaket ist gut gemeint und für das ganze Land prinzipiell gut. Für uns als Transportunternehmer ist das Ganze aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir kommen ja von 1,69 Euro pro Liter Diesel im Februar. Jetzt sind wir bei 2,45 Euro, und durch das Entlastungspaket sind es dann vielleicht noch 2,28 Euro pro Liter Diesel. Ob das jetzt zwei Euro, 2,10 oder 2,20 Euro sind, spielt also fast keine Rolle. Und die drei Cent Mehrwert-Steuerentlastung bringen dem Gewerbe nichts, weil die Umsatzsteuer ein durchlaufender Posten ist. Vermutlich preisen die Energiekonzerne, wie beim letzten Tankrabatt auch, die Hälfte der Reduzierung vor der Umsetzung wieder ein.
Wir haben, wie die meisten Kollegen, mit unseren Kunden eine Dieselfloater-Vereinbarung. Wobei die Floater immer zeitversetzt wirken. Sprich: wir müssen die Diesel-Mehrkosten erstmal zwei, drei Monate vorfinanzieren. Das geht ganz klar an die Liquidität. Und im Spotmarkt, sprich bei der Rückbefrachtung, gibt es ohnehin keinen Dieselfloater. Da steigen die Frachtpreise zwar, aber bei weitem nicht so wie der Dieselpreis und das geht somit voll in die Rendite.
Um das Ganze mal einordnen zu können: Wie viel Euro zahlen Sie aktuell jeden Monat im Schnitt mehr für den Diesel? Sie setzen ja über 70 eigene Lkw für regionale Verkehre und nationale Ladungstransporte ein.
Alles in allem sind unsere Dieselkosten um rund 55 Prozent gegenüber September des Vorjahres gestiegen. Sprich: wir bezahlen im Moment 80.000 Euro jeden Monat mehr für unsere Lkw.
Sie sagen, das Entlastungspaket ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was müsste denn die Bundesregierung tun, um Sie als Transportunternehmer wirklich zu entlasten?
Was an dieser Stelle vielleicht wirksamer wäre, ist eine absoluter Preisdeckel. Ob die Konzerne dann eventuell die Liefermengen nach Deutschland reduzieren würden, bliebe abzuwarten. Außerdem würde eine Energiesteuer-Rückvergütung für Speditionen sinnvoll. Sprich: Die Unternehmen könnten einen Teil der Dieselsteuer nachträglich erstattet bekommen, ähnlich entsprechenden Modellen in anderen EU-Staaten. Das EU-Recht erlaubt grundsätzlich einen niedrigeren Steuersatz für gewerblich genutzten Diesel im Straßengüterverkehr, allerdings nur innerhalb der europäischen Mindeststeuervorgaben. Entlasten würde zudem die befristete Entlastung bei der Lkw-Maut. Denkbar wäre, bestimmte Mautbestandteile innerhalb der EU-Richtlinien zeitweise zu reduzieren. Und des gäbe noch etliche andere Möglichkeiten, Transortunternehmen entsprechend zu entlasten, etwa durch direkte Betriebskostenschüssen, die Förderung des Umstiegs auf E-Lkw, die Mautreduzierung für Bio-LNG-Fahrzeuge. Das Transportgewerbe reagiert schnell und flexibel, das ist dem hohen Kostendruck und den knappen Margen geschuldet. Wenn die Regierung die richtigen Knöpfe drückt, setzen wir das in kürzester Zeit um.
Wie ist aktuell überhaupt die Situation im deutschen Transportgewerbe?
Wir haben gut zu tun und die Lkw sind ausgelastet. Aus unserer Sicht hängt das auch mit einer Verknappung des Laderaums zusammen. Wir nehmen aktuell nur noch Ladung an, die wir ganz sicher selbst fahren können.
Das ist überraschend. Die deutsche Wirtschaft läuft ja noch immer nicht rund. Eigentlich müsste ja Überkapazitäten geben.
Das sich der Laderaum verknappt hat liegt an fünf Faktoren. Es fehlen vermehrt Frächter aus Tschechien und Polen. Die fahren lieber in ihren eigenen Ländern, in denen die Wirtschaft besser läuft als bei uns (in Polen aktuell vier Prozent Wachstum). Oder sie haben ihre Flotten zum Beispiel nach Skandinavien verlegt, wo sie wesentlich höhere Frachtpreise erzielen können als hier. Ein weiterer und nicht unerheblicher Faktor: Seit Juli gilt die digitale Tachopflicht auch für 2,5 Tonner im grenzüberschreitendem Verkehr, sprich die „Polen-Sprinter“. Seitdem fahren in Deutschland kaum noch Polensprinter, das merkt man deutlich. Und vier Sprinter entsprechen nun mal einem Sattelzug. Dieser Laderaum fehlt nun. Dazu kommt, dass immer mehr deutsche Transportunternehmer altersbedingt mangels Nachfolge und Zukunftsperspektiven aufhören. Und natürlich zehren die Insolvenzen. Allein im Jahr 2025 gab es im im deutschen Straßengüterverkehr 566 Insolvenzverfahren. Und durch den Dieselpreis werden diese Zahlen in diesem Jahr leider vermutlich noch übertroffen. Last but not Least gibt es faktisch null Neugründungen von Transportunternehmen mit schweren LKW. Das alles führt dazu, dass der Laderaum weniger wird, bei gleichbleibender Auftragslage.
Wird sich der Laderaummangel also weiter verschärfen?
Auf jeden Fall. Lassen Sie mal das Wirtschaftswachstum auf zwei oder 2,5 Prozent steigen und die Milliardenpakete wirken. Ich erwarte in den nächsten zwei Jahren in den kurzen Wochen den ein oder anderen „Verkehrsinfarkt“ und vor allem auch auf der „letzten Meile“ wird es vermutlich immer wieder zu extremen Engpässen kommen – Stichwort Wegfall von Kleinunternehmern). Was dem vielleicht entgegen wirken könnte, sind die schwächelnden Absätze und Transportmengen im Automobilsektor.
Eigentlich gute Zeiten für Sie als Transportunternehmer. Spiegelt sich das schon in höheren Frachtpreisen wieder?
Noch nicht genug! Ich warte seit zwanzig Jahren darauf.
Um wie viel Prozent müssten denn die Transportpreise im regionalen Verkehr und im nationalen Ladungsverkehr steigen?
Ich unterscheide jetzt mal zwischen Spedition/Logistik und Transportgewerbe/Straße. Transport/Straße hängt seit Jahrzehnten hinterher, weil die lukrativen Nebeneffekte fehlen und der internationale Druck extrem hoch war, ich denke um zehn bis 15 Prozent.
Sie sagen, dass die Lkw aktuell gut ausgelastet sind. Würden Sie soweit gehen, dass sich in der deutschen Wirtschaft eine Kehrtwende vollzieht, und die Wirtschaft in 2027 endlich hierzulande wieder anspringt?
Ja, ich denke positiv. Im kommenden Jahr werden unter anderem über die Baubranche die ersten Auswirkungen der beschlossenen Milliardenpakete auch bei uns im Gewerbe ankommen. Da hat die Bundesregierung einiges richtig gemacht. Die Wachstumsprognose für Deutschland wurde gestern erst nach oben korrigiert. Ok, von 0,6 Prozent auf 1,3 Prozent ist per se nicht viel, aber mathematisch doch 117 Prozent.
Die Welt dreht sich überall gleich schnell und die Veränderungen sind brutal rasant. So gesehen finde ich es schade, dass die Menschen im Land alles und vor allem die Politik schlecht reden, anstatt die Ärmel wieder hochzukrempeln, notwendige Reformen zuzulassen (ja sie tun vielleicht auch weh, der Schmerz wurde aber bereits 20 Jahre verschoben) zu investieren und das Beste aus den neuen Situationen rauszuholen. Eigentlich geht es den meisten Menschen in Deutschland vergleichsweise gut und wir jammern auf hohem Niveau.
In was werden Sie im Jahr 2027 also investieren?
Wir werden ganz konkret in eigene E-Lade-Infrastruktur investieren und ich bin ganz heiß darauf, die ersten sechs eigenen E-Lkw im kommenden Jahr an den Start zu bringen. Dazu sprechen wir gerade mit verschiedenen NFZ-Herstellern. Und das ist nur der erste Schritt! (lacht)
Das Interview führte Eva Hassa, Redakteurin der VerkehrsRundschau