Der Oberste Gerichtshof der USA hat einen Teil der US-Zölle gekippt – jedoch nicht das neue Zollsystem insgesamt, betont die aktuelle Analyse des Kreditversicherers Allianz Trade. Die auf Eis gelegten Zölle würden rund 60 Prozent der bisherigen US-Zolleinnahmen entsprechen, so die Analyse von Allianz Trade. Nun würden „die Zoll-Karten neu gemischt“, was zum einen für Unsicherheiten bei Unternehmen sowie erneut zu Vorzieheffekten und intensiver Lagerhaltung in den USA führen könnte.
Gewinner des Zoll-Urteils
Allianz Trade verweist in diesem Zusammenhang auch auf – zumindest kurzfristige – „Gewinner“ des Urteils. Die größten Zollentlastungen durch das Urteil gebe es aktuell in Bangladesch (-20 Prozentpunkte) und Pakistan (-19 Prozentpunkte) sowie bei großen aufstrebende Exporteuren wie Indonesien (-18 Prozentpunkte), Brasilien (-17 Prozentpunkte), China (-15 Prozentpunkte) und Vietnam (-15 Prozentpunkte), Südafrika (-15 Prozentpunkte), der Türkei und Indien (jeweils -12 Prozentpunkte).
Atempause im „Zoll-Gewitter“
Das Zollurteil sei zwar insgesamt nur eine „kurze Atempause im Zoll-Gewitter“, es verschaffe aber „einigen Ländern mehr Luft, voraussichtlich auch über einen etwas längeren Zeitraum“, sagte Ana Boata, Head von Economic Research bei Allianz Trade. „Die USA haben schon neue Zölle an den Start gebracht, bei denen Abschnitt 122 des Handelsgesetzes die für ungültig erklärten Zölle ersetzt. Die größten Gewinner eines solchen Systems dürften Brasilien, Bangladesch, Indien, China, Pakistan, die Schweiz, Südafrika, Vietnam und Indonesien sein.“
Länder, denen höhere Zölle drohen
Dabei helfe diesen Ländern ein Zeitfenster in „Section 122“ des Handelsgesetzes von 1974. Dieses ist per Definition auf 150 Tage befristet, was laut Allianz Trade zu einer Vorverlegung von Lieferungen aus diesen Märkten führen könnte, bevor es zu weiteren Zollanhebungen kommt. Im Gegensatz dazu könnten Saudi-Arabien, Mexiko und Ecuador in einem neuen System sogar höhere Zölle drohen als bisher, ebenso wie Taiwan, Norwegen, Südkorea oder die Europäische Union (EU) – falls keine sektoralen Ausnahmen gewährt werden. „Für Europa kommt das Urteil zur Unzeit“, sagt Boata. „Das eigentlich vereinbarte Handelsabkommen sollte endlich mehr Planbarkeit für hiesige Unternehmen schaffen. Diese hängen dank der ‚Stop-and-Go-Politik‘ nun weiter in der Luft. Bei einem neuen Zollsystem sind gerade für Europa Ausnahmen für bestimmte Branchen entscheidend.“
Allianz Trade erwartet Vorzieheffekte
„In den USA dürfte das große Hamstern mit dem aktuellen Zoll-Chaos in die nächste Runde gehen“, sagt Boata. „Schon 2025 waren die Lager voll und Vorzieheffekte vor neuen Zollstufen die neue Normalität. Insbesondere Hersteller von Autos und Haushaltsgeräten haben ihre Lager gefüllt, aber auch der Einzelhandel und die Chemieindustrie haben mit mehr Waren bei längeren Beschaffungszyklen vorgesorgt.“
Weitere Zölle drohen
Das Urteil gegen die Anwendung des International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) für „Liberation Day“-Zölle macht Zölle in Milliardenhöhe ungültig. Dadurch halbiert sich der effektive US-Zollsatz auf etwa 5 Prozent. Allerdings bleibt laut Allianz Trade die Hälfte der Zölle für 2025 über Section 301 des Handelsgesetzes (für Industriemaschinen, elektrische Geräte usw.) und Section 232 (für Stahl und Aluminium) weiterhin bestehen. Die US-Regierung hat zudem ihre Pläne für einen universellen Mindestzollsatz von 10 Prozent bereits auf den Weg gebracht, wobei Abschnitt 122 des Handelsgesetzes von 1974 auch Zölle von bis zu 15 Prozent für 150 Tage zulässt. Zusätzlich sind weitere Untersuchungen gemäß Abschnitt 301 und der theoretischen Anwendung von Abschnitt 338 (Zölle von bis zu 50 Prozent).
Es bleibt weiterhin ein Hin und Her
„Es wird in den kommenden Wochen und Monaten weiterhin ein Hin und Her bleiben“, erwartet Boata. „Wir erwarten im Endeffekt einen durchschnittlicher Zollsatz von 10 Prozent gemäß ‚Section 122‘ mit sektoralen Ausnahmen. Das entspricht dem Niveau von Dezember 2025. Insgesamt dürfte sich also trotz der gekippten Zölle mittelfristig nur wenig ändern. Allerdings kann es für einige Länder und Branchen durchaus Ausschläge geben., wenn die Karten jetzt nochmals neu gemischt werden.“