In vielen Unternehmen der Transport- und Logistikbranche gibt es nach der Cannabis-Legalisierung Unsicherheiten darüber, wie man mit der Thematik umgehen soll oder auch überhaupt kann. Vor diesem Hintergrund hat die Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW) gemeinsam mit wissenschaftlichen Partnern die Ausfallerscheinungen und Wirkungen des Konsums von THC in der Intralogistik und im Straßenverkehr untersucht, um den Unternehmen Antworten geben zu können. Die Untersuchung wurde durch die BGHW initiiert und zum größten Teil finanziert. Die Untersuchungen im Bereich Straßenverkehr wurden durch den Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) sowie dem ADAC finanziell unterstützt.
Der Einfluss von Cannabiskonsum auf das Fahrverhalten
Weltweit erstmals wurden im Rahmen der Studie die Fahrfähigkeit von Gabelstaplerfahrenden unter THC-Einfluss untersucht. Die Fahrversuche mit den Gabelstaplern fanden im Ausbildungszentrum der Firma Richter Fördertechnik Herborn – einem Mitgliedsunternehmen der BGHW – statt. Die Fahrversuche mit Kleintransportern und PKWs wurden auf dem Sachsenring bei Chemnitz durchgeführt. Insgesamt 107 Versuchspersonen mussten als Gabelstapler-, Pkw- und Kleintransporterfahrende sowohl nüchtern als auch unter Einfluss von Cannabis jeweils zwei monotone und zwei komplexe Fahraufgaben bewältigen.
Die zentralen Forschungsfragen lauteten:
- Gibt es einen Unterschied in der Leistungsfähigkeit zwischen den Messzeitpunkten (Prä-/Post-Konsum)?
- Steht die Höhe der THC-Konzentration (ng/ml) in einem Zusammenhang mit der Leistungsfähigkeit, der über den Einfluss des Messzeitpunktes hinausgeht?
- Ab wann ist der Ausgangszustand wiederhergestellt?
- Gibt es Personengruppen, von denen besondere Risiken ausgehen?
- Gibt es Hilfsmittel, die es im betrieblichen Kontext den Unternehmen erleichtern, Personen unter THC-Einfluss zu erkennen?
Fahrfehler nehmen deutlich zu
Die Ergebnisse der vorliegende Untersuchung liefert Erkenntnisse über die Wirkung von Cannabis auf die Fahrleistung in Fahrsituationen. Insgesamt lässt sich laut BGHW unter anderem feststellen:
- Im Bereich Gabelstapler erhöht sich im Mittel die Fahrleistung (= Geschwindigkeit) bei gleichzeitiger Zunahme der Fahrfehler.
- Bei Pkw und Kleintransportern verschlechtert sich die Fahrleistung bei Zunahme der Fahrfehler in allen Fahraufgaben nach dem Cannabiskonsum generell.
Eine differenzierte Betrachtung der Fahrfehler und der Fahrleistung habe gezeigt, dass „die Effekte von THC nicht pauschal, sondern stark kontext- und personenspezifisch sind“, so ein wichtiges Ergebnis der Untersuchung.
Der THC-Wert ist kein zuverlässiger Indikator
In keiner der untersuchten Aufgaben – weder bei der Fehleranzahl noch bei der Fahrleistung – habe die objektive THC-Konzentration als signifikanter Prädiktor und somit valider Indikator für die Leistungsergebnisse der Versuchspersonen identifiziert werden können.
Das gelte auch bei der Überprüfung der kognitiven Leistungsfähigkeit mittels psychologischer Testbatterien. Stattdessen hätten sich „individuelle Unterschiede wie subjektive Einschätzungen zur wahrgenommenen Wirkung und Toleranz gegenüber Cannabis, Risikobereitschaft, Selbstmotivation und Arbeitsbeanspruchung als bedeutsame Einflussgrößen“ erwiesen.
Die Anwendung pauschaler THC-Grenzwerte könne die tatsächliche Leistungsfähigkeit nicht abbilden und auch „keine Konzentrations-Wirkungsbeziehung im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit etabliert werden“.