Die europäischen Nutzfahrzeughersteller sehen erhebliche Herausforderungen bei den geplanten „Made in the EU“-Vorgaben für emissionsfreie Fahrzeuge. Zu diesem Ergebnis kommt eine von Ricardo im Auftrag des europäischen Automobilherstellerverbands ACEA durchgeführte Studie. Demnach könnten insbesondere die Anforderungen an lokal produzierte Batterien für Hersteller von Elektro-Lkw zum Problem werden.
Hintergrund ist der geplante Industrial Accelerator Act (IAA) der Europäischen Union. Dieser sieht vor, den Zugang zu öffentlichen Fördermitteln, Steuervorteilen und öffentlichen Ausschreibungen stärker an den Einsatz von in Europa hergestellten Komponenten zu knüpfen. Betroffen wären batterieelektrische Fahrzeuge, Brennstoffzellenfahrzeuge und Plug-in-Hybride.
Laut der Untersuchung würden derzeit rund die Hälfte der in Europa produzierten mittelschweren und schweren Lkw die vorgesehenen Anforderungen an den europäischen Anteil bei Batteriezellen nicht erfüllen. Damit könnten zahlreiche Fahrzeuge von bestimmten Förder- und Beschaffungsprogrammen ausgeschlossen werden.
Besonders kritisch bewerten die Studienautoren die Verfügbarkeit von Batterierohstoffen und Batteriezellen aus europäischer Produktion. Für das Jahr 2027 wird erwartet, dass weniger als fünf Prozent der in Europa produzierten Lkw-Batterien aktives Batteriematerial aus der EU oder dem Vereinigten Königreich enthalten werden.
Zwar entstehen derzeit zusätzliche Produktionskapazitäten außerhalb Chinas, doch dürfte die Nachfrage nach diesen Kapazitäten nach Einschätzung der Studie die verfügbaren Mengen deutlich übersteigen. Für Hersteller schwerer Nutzfahrzeuge könnte es dadurch schwierig werden, die geplanten Lokalisierungsanforderungen innerhalb der vorgesehenen Fristen zu erfüllen.
Die Problematik betrifft nicht nur den europäischen Binnenmarkt. Nach Einschätzung der Studienautoren könnten Schwierigkeiten bei der Beschaffung europäischer Batterien auch Auswirkungen auf den Export von Nutzfahrzeugen nach Großbritannien haben.
Demnach könnten zahlreiche in der EU produzierte Lkw künftig die Herkunftsvorgaben des Handels- und Kooperationsabkommens zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich nicht erfüllen. In der Folge drohten zusätzliche Zölle auf exportierte Fahrzeuge.
Vor diesem Hintergrund fordert die ACEA eine Überarbeitung der geplanten Zeitpläne für die Batterielokalisierung im Schwerlastverkehr. Die Herstellerorganisation argumentiert, verbindliche Vorgaben sollten erst dann greifen, wenn ausreichend Produktionskapazitäten für geeignete Batterien innerhalb Europas zur Verfügung stehen.
Nach Einschätzung des Verbandes könnte dies erst nach 2035 in ausreichendem Umfang der Fall sein. Zudem spricht sich die ACEA für eine vorübergehende Anpassung der Batterie-Herkunftsregeln im Handel mit Großbritannien aus. Damit sollen zusätzliche Zollkosten vermieden werden, die laut Verband die Investitionen der Branche in emissionsfreie Antriebe belasten könnten.
Die Studie verdeutlicht den Zielkonflikt zwischen Industriepolitik und Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs. Während die EU ihre Wertschöpfungsketten stärken und Abhängigkeiten von außereuropäischen Lieferanten reduzieren will, sehen Hersteller die Gefahr, dass zu ambitionierte Lokalisierungsvorgaben den Markthochlauf von E-Lkw erschweren könnten.
Für die Nutzfahrzeugbranche bleibt damit die Frage entscheidend, ob der Ausbau europäischer Batterie- und Rohstoffkapazitäten mit den politischen Vorgaben für den Übergang zu emissionsfreien Antrieben Schritt halten kann.