Interview: "Wir schützen Menschen"
TÜV SÜD feiert in diesem Jahr 160-jähriges Bestehen. Jürgen Wolz, Leiter Service Line Mobility und Amtliche Tätigkeiten Deutschland sowie Mitglied der Geschäftsleitung, erzählt davon, wo die Prüforganisation gerade steht – und wo sie noch hin will.
Sie sind vor zehn Jahren in Ihrer aktuellen Funktion angetreten. Was waren wichtige Meilensteine?
Jürgen Wolz: Damals trat die aktuelle EU-Richtlinie 2014/45 in Kraft, in der mitunter der „gefährliche Mangel“ und die Überprüfung der E-Call-Systeme eingeführt wurde. Wir hatten damals zusammen mit der Fahrzeugsystemdaten GmbH (FSD) gerade den HU-Adapter eingeführt. Es galt, die HU moderner zu machen und die amtlichen Dienstleistungen auszubauen. Ein weiteres Thema war der Ausbau freiwirtschaftlicher Dienstleistungen – in Form von Paketlösungen aus einer Hand. Zudem wollten wir über unser Stammgebiet in Süddeutschland hinaus lieferfähig sein und damit auch den Entwicklungen Rechnung tragen: Es gab immer mehr Fusionen und bundesweite Aktivitäten – auch im Speditionsgewerbe. Auch Digitalisierung war ein neuer Megatrend: So haben wir etwa nach einem Pilotprojekt mit Hessen die Fahrerkartenanträge flächendeckend digitalisiert. Herausforderungen waren in der letzten Dekade Corona – wir mussten als Teil der kritischen Verkehrsinfrastruktur den Betrieb aufrechterhalten – sowie der Ukraine-Krieg mit Folgen, die noch nicht überwunden sind. Das wirkt sich alles auf die Märkte und Wirtschaft aus.
Inwiefern hat sich Ihr Angebot weiterentwickelt?
Wolz: Wir haben die freiwirtschaftlichen Dienstleistungen für Speditionen und Hersteller, etwa Services rund um die UVV, Ladungssicherung, Schaden und Wert ausgebaut: Das Institut für Ladungssicherung entstand, auch das Portfolio rund um Prüfungen durch unsere Sachverständigen und rum um die Prüfmittelüberwachung wurde ausgebaut – an Fahrzeugen, Aufbauten sowie Anlagen. Wir haben also auf den Bedarf und die Nachfrage der Kunden reagiert. Seit 2018 treten wir daher folgerichtig mit der Marke TÜV SÜD Division Mobility auf, der Fokus ging vom reinen Fahrzeug hin zur gesamten Mobilität.
Was beschäftigt Sie voraussichtlich in diesem Jahr besonders?
Wolz: Zum einen die Nachfolgerichtlinie zur EU-PTI-Richtlinie 2014/45, für die die EU-Kommission im letzten Sommer einen Vorschlag gemacht hat – mit begrüßenswerten Modernisierungen, etwa Prüfszenarien für elektronische Sicherheitssysteme, für Elektrofahrzeuge, Datenzugang für Prüforganisationen zu sicherheitsrelevanten Fahrzeugdaten sowie neue Emissionsprüfverfahren für ultrafeine Partikel und Stickoxide. Die Neuerungen sind nötig, da sich die Technologien weiterentwickelt haben. Wir erwarten einen Kompromiss bis Mitte des Jahres und Ende 2026, Anfang 2027 die Veröffentlichung der endgültigen Richtlinie. Wir haben im Vorfeld über die FSD – zusammen mit allen Prüforganisationen – unsere Positionen und Vorschläge vorgestellt.
Das zweite Thema ist die Umsetzung der EU-Führerscheinrichtlinie, die unter anderem den digitalen Führerschein zum Thema hat. Wir treten dafür ein, dass es echte digitale Lösungen gibt, nicht nur digitale Optionen. Aktuell entstehen viele Kosten und ein hoher Aufwand bei Änderungen. Hätten wir eine digitale Lösung, ginge etwa mit dem Bestehen der Prüfung die Information an das KBA und der digitale Führerschein würde dann freigeschaltet. Wir arbeiten mit anderen technischen Prüfstellen an dieser Lösung und wünschen uns, dass sie konsequent digital umgesetzt wird. Die digitale Lösung muss die Regel sein, die analoge nur die Ausnahme.
Welche Erwartungen haben Sie für den HU-Markt in Deutschland?
Wolz: Der HU-Markt in Deutschlandmit rund 31 Millionen HUs pro Jahr in Deutschland ist schwankender geworden: Im Jahr 2024 gab es Rückgänge, 2025 wird er wahrscheinlich wieder leicht zunehmen. Unser Anteil im deutschen HU-Markt liegt derzeit bei 20 Prozent, aber wir wollen weiter wachsen. Dafür bauen wir unsere Dienstleistungspakete und unser bundesweites Netz mit Autopartnern weiter aus.
Was erwarten Sie beim Thema Automatisierung?
Wolz: Der Hype um autonomes Fahren war vor zehn Jahren deutlich größer, aber für Level-3- und -4-Anwendungen gibt es gute Voraussetzungen, dafür wird es vermehrt definierte Szenarien geben, wenn auch nicht flächendeckend. Wir begleiten die Hersteller, bieten entsprechende Tests und Zertifizierungen an und sind in etlichen Projekten tätig – wie etwa bei ATLAS-L4, wo es um hochautomatisiertes Fahren geht.
Welche alternativen Antriebe sehen Sie im Rennen vorne?
Wolz: Gerade im modularisierten Lieferverkehr steckt viel Potenzial: Der Fernverkehr wird zunehmend elektrifiziert. Die Wasserstofftechnologie ist auch noch im Rennen, aber mit zunehmender Verbesserung der Batterietechnologie wird das Elektro- das Wasserstofffahrzeug wohl verdrängen. Im Nutzfahrzeugbereich hat die Wasserstofftechnologie noch am ehesten Chancen – ab Logistikhubs muss es dann aber elektrisch weitergehen in die Städte. Die Logistik hat hier viele Chancen: Im Zuge der Vernetzung wird auch der Einsatz von KI in der Disposition zur Ausgestaltung der Lieferketten zunehmen.
Warum ist TÜV SÜD der perfekte Partner für die Transport- und Logistikbranche?
Wolz: Wir bieten für die Branche Services von A bis Z – über die gesamte Lebensdauer von Fahrzeugen. Das fängt im Nutzfahrzeugbereich mit Einzelgenehmigungen an: Wir begleiten die OEMs in der Grundgenehmigung der Fahrzeuge, betreuen Aufbauhersteller, auch in Detaillösungen, wir bieten die amtlichen Services, alle Dienstleistungen bei Ladungssicherung, DGUV-Prüfung, Schaden und Wertthemen. Das Portfolio ist breit, wir haben ein großes Know-how und bieten diverse Dienstleistungspakete – für den klassischen Lkw, die Sattelzugmaschine, den Trailer sowie Sonderfahrzeuge. Zudem machen wir Gefahrguttransport- und Schwerlastabnahmen. Die Energiewende erfordert immer mehr Schwerlasttransporte – dafür braucht es Begutachtungen, um diese Transporte überhaupt durchführen zu können.
Bei allen Entwicklungen: TÜV SÜD wird dabei sein …
Wolz: Genau. Das dürfen wir bei allen Innovationen nicht aus den Augen verlieren: Auch hochautomatisierte Fahrzeuge haben mechanische Teile und der Hersteller kann nicht alles überwachen. Deswegen ist nach wie vor die neutrale Untersuchung durch einen unabhängigen Dritten – das Third-Party-Prinzip – in Deutschland ein wertvolles Instrument und ein großer Beitrag zur Verkehrssicherheit. Wir alle dürfen die Vision Zero nicht aus dem Auge verlieren und müssen uns dafür einsetzen, dass es irgendwann keine Verkehrstoten mehr gibt. Das ist das hehre Ziel über allen Themen. Das war und ist unser Auftrag und unsere Mission als TÜV SÜD: Wir schützen Menschen, Umwelt und Sachgüter vor negativen Auswirkungen der Technik.
TÜV SÜD Ansprechpartner
TÜV SÜD Division Mobility
Kristin Heber
Projektleiterin
Service Line Truck & Bus
Tel.: +49 151 652 339 58
E-Mail: kristin.heber@tuvsud.com