Interview: Wieso Nachhaltigkeit in angespannten Zeiten relevant bleibt

24.04.2026 14:10 Uhr | Lesezeit: 5 min
Vorstandsporträt von Katharina Reuter vom BNW
Katharina Reuter, Geschäftsführerin vom Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW)
© Foto: BNW

Im Interview diskutiert Katharina Reuter, Geschäftsführerin vom Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW), die Rolle von Nachhaltigkeit in der aktuellen Wirtschaftslage, was die Politik tun muss und wie sich Unternehmen auch ohne Millioneninvestitionen nachhaltiger aufstellen können.

Frau Reuter, viele Transport- und Logistikunternehmen stehen wirtschaftlich massiv unter Druck. Beobachten Sie deshalb derzeit eine Ermüdung in der Nachhaltigkeitsdebatte?

Wir sehen keine Ermüdung, aber eine Verunsicherung der Debatte. Viele Unternehmen betrachten Nachhaltigkeit derzeit durch die Kostenbrille, weil Planungssicherheit fehlt und politische Signale schwanken. Viele zögern bei Investitionen in die Elektrifizierung und Ladeinfrastruktur – weil unklar ist, ob und wie die Technologien langfristig gefördert werden. Unternehmen, die trotz der Unsicherheiten in eine E-Flotte investiert haben – wie unser Mitglied Runden Group – berichten Positives. Auch wenn nicht alle Lkw-Touren flächendeckend in Europa durch E-Lkw bedient werden können, geht man hier davon aus, dass sich E-Antriebe durchsetzen werden – so wie das in der Pkw-Branche bereits passiert. Hinzu kommt die aktuelle Krise am Golf, die das Thema Energieunabhängigkeit wieder sehr viel stärker in den Fokus rückt. ­­­

Teilen Sie den Eindruck, dass Nachhaltigkeit aktuell stärker unter Rechtfertigungsdruck steht als noch vor zwei, drei Jahren?

Absolut. Innovation verläuft nie linear, sondern ist mit Höhen und Tiefen verbunden. Nach Jahren des Aufbruchs befinden wir uns aktuell in einer Phase, die durch Deregulierung und Rückabwicklung geprägt ist. Hinzu kommt die ökonomische Unsicherheit. Langjährige Geschäftsmodelle sind bedroht. Wir stehen als Gesellschaft vor der Frage, wie wir wieder wachsen können. Für uns als Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft führt der Weg zu mehr Wachstum über Investitionen in Zukunftstechnologien. Der Blick ins Ausland bestätigt das. Wenn wir nach China schauen, ist dort jede vierte Neuzulassung ein E-Lkw. Prognosen gehen davon aus, dass dieser Wert bereits 2026 auf über 50 Prozent steigen dürfte und schon jetzt werden dort mehr E-Fahrzeuge als Verbrenner zugelassen. Der aktuelle Ölpreis dürfte diese  Entwicklung weiter beschleunigen.

Wie bewerten Sie die Sorge vieler Transport- und Logistikbetriebe, dass sie Investitionen in nachhaltige Technologien derzeit schlicht nicht stemmen können?

Die Sorge ist berechtigt. Elektrische Sattelzugmaschinen kosten teilweise das Zwei- bis Zweieinhalbfache einer Sattelzugmaschine mit Verbrennermotor. Bürokratische Hürden bei Förderungen, eine noch unzureichende Infrastruktur und begrenzte Möglichkeiten zur Kostenweitergabe vervollständigen das Bild. Gleichzeitig bringen die hohen Dieselpreise fundierte Existenzängste mit sich. Wer bei seinem Tagesgeschäft ohnehin schon „draufzahlen“ muss, dem fehlen oft die Mittel für zukunftsträchtige Investitionen – auch wenn diese den Preisdruck mittelfristig auffangen können. Aber nicht nur der Antrieb ändert sich, auch der Sektor ist im Wandel. Eigentumsverhältnisse und das angestammte Kundenspektrum sortieren sich neu, der Mangel an Fachkräften erhöht den Druck. Derzeit treffen viele langfristige Herausforderungen auf eine kurzfristige, massive Kostenproblematik. Der Staat muss den Unternehmen helfen, sich aus dieser Situation zu befreien – zum Beispiel indem er die Elektrifizierung der Flotten und den Aufbau einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur unterstützt.

Droht die Transformation gerade an einer Finanzierungslücke zu scheitern – insbesondere bei kleinen und mittelständischen Unternehmen?

Wenn die Unternehmen nicht die Mittel haben, muss ihnen geholfen werden – aus dem einfachen Grund, dass sich der internationale Markt rasant in Richtung E-Mobilität und neuer Logistiklösungen entwickelt, gerade für die letzte Meile. Wenn wir nicht vom Ausland abhängig sein und abgehängt werden wollen, müssen kleine und mittelständische Unternehmen an den Märkten und Zukunftstechnologien partizipieren können. Dann kann eine deutsche und europäische Zulieferindustrie entstehen und gehalten werden – die wir mit Blick auf die aktuelle geopolitische Unsicherheit nicht aus der Hand geben sollten.

Vor einigen Jahren haben Sie gesagt, dass Sie beim Thema Dekarbonisierung viel Dynamik in Deutschland beobachten. Sehen Sie das immer noch?

Ja, die Unternehmen investieren weiterhin in Dekarbonisierung, zum Beispiel in Energieeffizienz oder Speicher. Aber im Verkehrs- und Gebäudesektor sind die Emissionen zuletzt sogar wieder gestiegen. Schauen wir über unsere Landesgrenzen hinaus, ändert sich das Bild. China und Indien investieren massiv in Erneuerbare, in Speicher und der Absatz an E-Fahrzeugen steigt. Seit dem Pariser Klimaabkommen hat sich die weltweite Windkapazität verdreifacht, die Solarkapazität vervierfacht. Das sind starke Zahlen – aber wir sind noch nicht am Ziel.

Sie sprechen häufig von unternehmerischer Nachhaltigkeit. Was heißt das konkret in Zeiten knapper Budgets?

Nachhaltigkeit im unternehmerischen Sinne ist nie Selbstzweck. All unsere Mitglieder im Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft wirtschaften am Markt. Sie sind dem gleichen Preisdruck ausgesetzt wie ihre Mitbewerber, sie müssen ihre Produkte auf den gleichen Märkten anbieten. Folglich funktioniert Nachhaltigkeit für sie nur, wenn sie in die harte ökonomische Realität übersetzt wird. Das können Energieeinsparungen, verbesserte Materialkreisläufe, datenbasierte Prozesse und resilientere Lieferketten sein. Gerade bei knappen Budgets kann Nachhaltigkeit ein Mittel sein, das Effizienzen hebt und langfristig Kosten und Risiken minimiert.

Sie sehen Nachhaltigkeit als Konjunkturmotor – können Sie das genauer erklären?

Moderne Nachhaltigkeit ist eine Businessdisziplin. Sie verbessert bestehende Geschäftsmodelle und schafft Neue. Erneuerbare Energien auf dem Werksgelände senken die Betriebskosten, Kreislaufwirtschaft reduziert Abhängigkeiten und den Materialeinsatz, klimafreundliche Lösungen schaffen neue Absatzmärkte. Viele Lösungen im Bereich Nachhaltigkeit sind neu oder konsolidieren sich gerade erst als Markt. Wer hier frühzeitig investiert und Lösungen entwickelt, kann sich Marktanteile sichern. Anders als in traditionellen Wirtschaftsbereichen herrscht bei Themen wie Kreislaufwirtschaft, Wiederverwertung und Pfandsystemen für Verpackungen große Vielfalt am Markt und Standards müssen erst gefunden werden.  

Welche Maßnahmen hätten aus Ihrer Sicht für die Transport- und Logistikbranche aktuell den größten Hebel – auch ohne Millioneninvestitionen?

Einer der größten Hebel findet sich sicher in der Konsolidierung und Reduktion von Transporten. Die optimierte Nutzung vorhandenen Transportraums ist das Gebot der Stunde. Oft werden nur rund 40–50 Prozent des Ladevolumens genutzt. Kooperationen und neue Netzwerke können helfen, die Auslastung zu steigern und Geld und Emissionen zu sparen. Außerdem lohnt es sich nach Förderungen Ausschau zu halten. Unser Mitglied Runden Group hat mit Hilfe der KSNi-Förderung in Sattelzugmaschinen und Hypercharger investiert und baut aktuell sukzessive seinen Fuhrpark um. Bestehende Sattelzüge werden so lange gefahren, wie das die Lebensdauer hergibt und dann schrittweise ersetzt. Dabei zeigen sich schon jetzt Einsparungen, denn fossile Motoren sind deutlich serviceanfälliger und die Betriebskosten höher.

Was braucht es politisch, damit nachhaltiges Wirtschaften für Unternehmen gerade jetzt nicht zum Standortnachteil wird?

Wir brauchen eine Politik, die sich nicht von den fossilen Lobbyinteressen leiten lässt. Die vielmehr darauf schaut, in welche Zukunftsmärkte unsere Nachbarländer und wichtige Wirtschaftsregionen wie China und Indien investieren. Und wer hinschaut, der findet auch in Deutschland schon viele Geschichten des Gelingens. Politik muss den Rahmen setzen, der zu Investitionen ermutigt. Unternehmen, die in Innovation investieren, bieten ihren Beschäftigten Sicherheit. Die Sicherheit, dass ihr Job auch in einer sich wandelnden Welt eine Zukunft hat.

Braucht es aus Ihrer Sicht mehr Mut zur Vereinfachung, etwa bei Berichts- und Nachweispflichten?

Ja und nein. Ja, wenn es um schnellere Genehmigungsverfahren für Erneuerbare oder um die Abschaffung von Doppelstrukturen geht. Nein, wenn notwendige Regeln für eine ganzheitliche Verantwortung von Unternehmen aufgeweicht werden. Aber das passiert leider gerade. Das Verrückte ist: Der Aufwand, zum Beispiel bei der Erfassung von Klimadaten, wird dadurch nicht kleiner. Weder für die Banken, die nun vor das Problem gestellt werden, dass die Berichtspflicht nicht für alle gilt, noch für die Unternehmen. Denn die müssen, zum Beispiel für ihre Bank oder ihre Versicherung, sowieso die Daten bereitstellen und berichten. Mit einer verbindlichen Regel für alle hätte man einen einheitlichen Rahmen schaffen können, aber diese Chance wurde vertan. Diese Einschätzung teilt übrigens auch die Wirtschaft. Eine repräsentative Befragung zeigt, dass 72,5 Prozent der Befragten das Problem sehen, dass rechtliche Unsicherheiten rund um Nachhaltigkeitsberichterstattung und Sorgfaltspflichten Investitionsentscheidungen verzögern.

Welche Unternehmen kommen aus dieser wirtschaftlich schwierigen Phase gestärkt hervor – und warum?

Mit der gegenwärtigen Iran-Krise sehen wir, dass Unternehmen, die auf E-Fahrzeuge oder recycelte Verpackungen und Rezyklate setzen, einen Wettbewerbsvorteil erfahren. Einfach gesagt: Verpackungen, die aus dem Gelben Sack wiedergewonnen werden, müssen nicht durch die Straße von Hormus. Öl für Neuplastik dagegen schon. Das wird in der Krise zum Wettbewerbsvorteil. Resiliente Lieferketten, lokale Energieerzeugung und Digitalisierungsmaßnahmen sorgen langfristig dafür, dass Unternehmen die vorsorgen und sich unabhängiger aufstellen, besser planen können - und so auch besser aus der Krise kommen.

Wird Nachhaltigkeit in zwei Jahren wieder offensiver diskutiert werden – oder hat sich das Verständnis dauerhaft verändert?

Bereits jetzt wird durch den explodierenden Preis für fossile Energieträger Nachhaltigkeit wieder offensiver diskutiert. Plötzlich wird klar: Das war ja doch kein Auslaufmodell! Und auch langfristig zeigen alle Einschätzungen der Wirtschaftsweisen und auch die Risikoanalyse des Weltwirtschaftsforums: die größten Risiken für die Wirtschaft in den nächsten 10 Jahren sind Extremwetter, der Biodiversitätsverlust und Ökosystemkollaps sowie der kritische Wandel der Erdsysteme. Darüber sollten wir diskutieren: jetzt, in zwei und auch in zehn Jahren.

Was raten Sie Unternehmen, die zwischen Kostendruck und Klimazielen gerade keine klare Linie finden?

Unternehmen sollten sich zuerst einen ehrlichen Überblick verschaffen. Wo entstehen heute die größten Kosten? Wo lassen sich Effizienzgewinne erzielen, die sowohl ökologische als auch ökonomische Vorteile bringen? Oft braucht es keine radikalen Umbrüche, um ins Machen zu kommen. Pragmatische Maßnahmen wie bessere Routenplanung, ein professionelles Fuhrparkmanagement, Pilotprojekte mit alternativen Antrieben oder der Einstieg über einen elektrifizierten Pkw- oder Verteilerfuhrpark sind mögliche erste Schritte. Außerdem lohnt es sich Förderprogramme aktiv zu verfolgen und Investitionen dort zu tätigen, wo sie skalierbar bleiben.

Statt auf „die eine perfekte Lösung“ zu warten, ist es wichtig, dass Firmen den Anfang machen – denn ansonsten droht die Gefahr, wirtschaftlich und regulatorisch den Anschluss zu verlieren. Bei der Orientierung können auch Branchendialoge und Netzwerke helfen, in denen man sich austauschen und Best Practices abschauen kann. Unternehmen und Branchen sind nicht allein mit ihren Herausforderungen. Das ist der Grund, warum wir als Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft alle Branchen an den Tisch bringen und Nachhaltigkeitspioniere mit Unternehmen diskutieren, die sich gerade erst auf den Weg machen.

Vergangenes Jahr haben Sie schon gesagt, dass Unternehmen mit ihrer Stimme große Orientierungskraft haben – daraus folgt eine hohe Verantwortung. Was erwarten Sie von Ihnen da konkret?

Unternehmen tragen Verantwortung, Orientierung zu geben – gerade in unsicheren Zeiten. Dazu gehört, Fakten klar zu kommunizieren, konstruktive Lösungen vorzuschlagen und für demokratische Werte einzustehen. Ihre Stimme hat Gewicht, weil sie ökonomische Realität mit gesellschaftlicher Verantwortung verbindet. Deswegen ist es so wichtig, dass Unternehmen der Politik klar machen, wie sie sich die Zukunft vorstellen und dass sie ihren Mitarbeitenden Perspektiven bieten - in einer Wirtschaft, die sich wandelt.


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