Interview: Wieso Nachhaltigkeit in angespannten Zeiten relevant bleibt
Im Interview diskutiert Katharina Reuter, Geschäftsführerin vom Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW), die Rolle von Nachhaltigkeit in der aktuellen Wirtschaftslage, was die Politik tun muss und wie sich Unternehmen auch ohne Millioneninvestitionen nachhaltiger aufstellen können.
Frau Reuter, viele Transport- und Logistikunternehmen stehen wirtschaftlich massiv unter Druck. Beobachten Sie deshalb derzeit eine Ermüdung in der Nachhaltigkeitsdebatte?
Wir sehen keine Ermüdung, aber eine Verunsicherung der Debatte. Viele Unternehmen betrachten Nachhaltigkeit derzeit durch die Kostenbrille, weil Planungssicherheit fehlt und politische Signale schwanken. Viele zögern bei Investitionen in die Elektrifizierung und Ladeinfrastruktur – weil unklar ist, ob und wie die Technologien langfristig gefördert werden. Unternehmen, die trotz der Unsicherheiten in eine E-Flotte investiert haben – wie unser Mitglied Runden Group – berichten Positives. Auch wenn nicht alle Lkw-Touren flächendeckend in Europa durch E-Lkw bedient werden können, geht man hier davon aus, dass sich E-Antriebe durchsetzen werden – so wie das in der Pkw-Branche bereits passiert. Hinzu kommt die aktuelle Krise am Golf, die das Thema Energieunabhängigkeit wieder sehr viel stärker in den Fokus rückt.
Teilen Sie den Eindruck, dass Nachhaltigkeit aktuell stärker unter Rechtfertigungsdruck steht als noch vor zwei, drei Jahren?
Absolut. Innovation verläuft nie linear, sondern ist mit Höhen und Tiefen verbunden. Nach Jahren des Aufbruchs befinden wir uns aktuell in einer Phase, die durch Deregulierung und Rückabwicklung geprägt ist. Hinzu kommt die ökonomische Unsicherheit. Langjährige Geschäftsmodelle sind bedroht. Wir stehen als Gesellschaft vor der Frage, wie wir wieder wachsen können. Für uns als Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft führt der Weg zu mehr Wachstum über Investitionen in Zukunftstechnologien. Der Blick ins Ausland bestätigt das. Wenn wir nach China schauen, ist dort jede vierte Neuzulassung ein E-Lkw. Prognosen gehen davon aus, dass dieser Wert bereits 2026 auf über 50 Prozent steigen dürfte und schon jetzt werden dort mehr E-Fahrzeuge als Verbrenner zugelassen. Der aktuelle Ölpreis dürfte diese Entwicklung weiter beschleunigen.
Wie bewerten Sie die Sorge vieler Transport- und Logistikbetriebe, dass sie Investitionen in nachhaltige Technologien derzeit schlicht nicht stemmen können?
Die Sorge ist berechtigt. Elektrische Sattelzugmaschinen kosten teilweise das Zwei- bis Zweieinhalbfache einer Sattelzugmaschine mit Verbrennermotor. Bürokratische Hürden bei Förderungen, eine noch unzureichende Infrastruktur und begrenzte Möglichkeiten zur Kostenweitergabe vervollständigen das Bild. Gleichzeitig bringen die hohen Dieselpreise fundierte Existenzängste mit sich. Wer bei seinem Tagesgeschäft ohnehin schon „draufzahlen“ muss, dem fehlen oft die Mittel für zukunftsträchtige Investitionen – auch wenn diese den Preisdruck mittelfristig auffangen können. Aber nicht nur der Antrieb ändert sich, auch der Sektor ist im Wandel. Eigentumsverhältnisse und das angestammte Kundenspektrum sortieren sich neu, der Mangel an Fachkräften erhöht den Druck. Derzeit treffen viele langfristige Herausforderungen auf eine kurzfristige, massive Kostenproblematik. Der Staat muss den Unternehmen helfen, sich aus dieser Situation zu befreien – zum Beispiel indem er die Elektrifizierung der Flotten und den Aufbau einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur unterstützt.