Der Rhein führt an mehreren Orten so wenig Wasser wie nie zuvor. Nach Angaben des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes (WSA) Rhein ist der Pegelstand in Kaub auf 24 Zentimeter gefallen. Damit wurde der bisherige Tiefstwert vom 22. Oktober 2018 um einen Zentimeter unterschritten, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) mitteilt.
Ein Pegelstand beschreibt dabei die Wasserhöhe bezogen auf einen festgelegten Referenzpunkt. Er gibt nicht die tatsächliche Wassertiefe des Flusses an.
Rheinpegel erreichen historische Tiefstände
Auch an weiteren Messstellen wurden außergewöhnlich niedrige Wasserstände registriert. In Andernach fiel der Pegel bereits am Montagnachmittag unter den bisherigen Rekordwert von 24 Zentimetern. Im Verlauf des Abends stieg der Wasserstand dort jedoch wieder von 23 auf 28 Zentimeter.
In Worms liegt der Pegel aktuell nur noch einen Zentimeter über dem bisherigen Tiefstwert. In Remagen wurde der historische Mindestwert von sieben Zentimetern bereits mehrfach erreicht, bislang aber nicht unterschritten.
Experten: Niedrigwasser kommt ungewöhnlich früh
Nach Einschätzung eines WSA-Experten ist die aktuelle Entwicklung für diese Jahreszeit ungewöhnlich. Auch die Bundesanstalt für Gewässerkunde bewertet die Lage als besonders, da Niedrigwasserphasen normalerweise erst im Spätsommer oder Herbst ihren Höhepunkt erreichen.
Als Ursache gelten vor allem die anhaltende Trockenheit und die hohen Temperaturen. Regionale Niederschläge könnten lediglich für eine kurzfristige Entspannung sorgen.
Die Auswirkungen des Niedrigwassers beschäftigen inzwischen auch die Politik. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger hat für Donnerstag, den 6. August, eine Fachkonferenz in Bonn angekündigt. Bereits am Samstag war in Köln der niedrigste Pegelstand seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen worden. Auch Düsseldorf und Duisburg meldeten zuletzt historische Tiefststände.
Folgen für die Binnenschifffahrt auf dem Rhein
Nicht an allen Rheinpegeln wird unmittelbar ein neuer Rekordwert erwartet. In Speyer liegt der Wasserstand derzeit noch 16 Zentimeter über dem bisherigen Tiefststand. In Mainz beträgt der Abstand 13 Zentimeter. Am Pegel Koblenz wäre ein weiterer Rückgang um 14 Zentimeter notwendig, um einen neuen Negativrekord zu erreichen.
Im hessischen Oestrich-Winkel liegt der aktuelle Pegel mit 52 Zentimetern ebenfalls noch über dem historischen Tiefstwert von 31 Zentimetern aus dem Jahr 1947. Damit hat sich die Prognose der letzten Woche nicht bewahrheitet.
Für die Binnenschifffahrt hat das Niedrigwasser bereits spürbare Folgen. Nach Angaben des WSA gilt: „Die Schifffahrt kann weniger zuladen, die Fahrten werden dadurch mit fallendem Pegel unwirtschaftlicher.“
„Die Lage ist ernst. Der Rhein ist eine zentrale Schlagader für den Güterverkehr in Deutschland“, sagt Thilo Schaefer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) der dpa. Höhere Transportkosten seien die Folge. Der Druck auf Straße und Schiene nehme zu, wobei nur begrenzt ausgewichen werden könne. Deshalb drohten Engpässe in Lieferketten.
Betroffen sind Experten zufolge vor allem Branchen, die auf große Mengen an Rohstoffen und Vorprodukten angewiesen sind – etwa Chemie, Stahl und Mineralöl. „Dort lässt sich der Ausfall des Rheintransports kurzfristig nur sehr begrenzt kompensieren“, sagt Schaefer.
Drei Verbände der Recycling- und Rohstoffwirtschaft warnen gemeinsam, die Versorgung der Stahlindustrie sei gefährdet. Binnenschiffe könnten nur noch ein Drittel bis die Hälfte der üblichen Ladung transportieren. Frachtkosten auf einzelnen Verbindungen hätten sich verdrei- bis vervierfacht. Hinzu kämen Kosten wegen Verzögerungen und Umplanungen.
Schaefer hält für möglich, dass sich Verbraucher auf höhere Preise einstellen müssen – etwa bei Baustoffen und Energieprodukten. Der Geschäftsführer des Tankstellenverbands ZTG, Jürgen Ziegner, warnte jüngst im „Handelsblatt“ vor möglichen Engpässen in der Spritversorgung, sollten Wasserstände des Rheins an wichtigen Stellen weiter sinken. Sollte die Niedrigwassersituation länger anhalten, könnten Spritpreise vor allem im Süden steigen.
Wie groß ist der gesamtwirtschaftliche Schaden?
Das Niedrigwasser könne das Bruttoinlandsprodukt zwischen Juli und September um 0,1 bis 0,2 Prozent dämpfen, sagt Stefan Kooths, Direktor der Forschungsgruppe Konjunktur und Wachstum am Kiel Institut für Weltwirtschaft. „Man kann den Wertschöpfungsausfall grob auf 1 bis 2 Milliarden Euro im dritten Quartal beziffern.“ IW-Ökonom Schaefer nennt keine Zahlen. „Eine Schadenssumme lässt sich erst dann seriös abschätzen, wenn klarer ist, wie lange die Einschränkungen andauern.“
Wirtschaft, Fähren und Tourismus betroffen
Die niedrigen Wasserstände wirken sich nicht nur auf den Gütertransport aus. So könne bislang verdeckte Munition freigelegt werden. Zudem werden Rheinfähren und die Personenschifffahrt durch das Niedrigwasser eingeschränkt.
Auch Anbieter von Sportbooten und Freizeitangeboten entlang des Rheins bekommen die Folgen zu spüren. Aufgrund der schwierigen Bedingungen bleiben Kunden aus, so die Mitteilung der dpa.
Niedrigwasser setzt Tiere und Pflanzen unter Stress
Neben den wirtschaftlichen Folgen steigt auch der Druck auf die Ökosysteme des Rheins. Hohe Wassertemperaturen und eine geringere Sauerstoffverfügbarkeit belasten zahlreiche Wasserorganismen zusätzlich.