Professor Thomas Wimmer, Vorsitzender des Vorstands der Bundesvereinigung Logistik (BVL)

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Interview: Für das gibt es keine Blaupause

Der Deutsche Logistik-Kongress, der vom 21. bis 23. Oktober 2020 in Berlin stattfinden sollte, wird nun doch auf ein rein digitales Format umgestellt. Thomas Wimmer, Vorsitzender des BVL-Vorstands, zu den Gründen, Kosten und dem möglichen Schaden.

Warum haben Sie sich nun doch entschieden, den Deutschen Logistik-Kongress ausschließlich virtuell zu veranstalten? Im Interview mit der VerkehrsRundschau Anfang Oktober hatten Sie noch betont, dass der Kongress wie geplant stattfindet.
Mit unserer zunächst geplanten Mischung aus analogem und digitalem Kongressformat wollten wir ein Zeichen des Mutes und der Zuversicht setzen und den Entscheidern im Wirtschaftsbereich Logistik in diesem schwierigen Jahr eine Plattform für den persönlichen Austausch bieten. Doch die Entwicklung der Fallzahlen seit dem Ende der vergangenen Woche, die Risikogebietseinstufungen, die Quarantänegebote und die Teilnehmerbegrenzungen einzelner Bundesländer durchkreuzten alle Planungen.
Ausschlaggebend für die am Dienstag vom BVL-Vorstand und der Geschäftsführung getroffene Entscheidung war letztlich unsere tief empfundene Verantwortung für die Gesundheit der Menschen, aber auch die allgemeine Verunsicherung vieler Beteiligter. Letztere führte schon vor unserer Entscheidung zu ersten Absagen von Ausstellern, Teilnehmern und Referenten. Zudem war zu erwarten, dass in den nächsten Tagen weiter verschärfte Anordnungen zum Pandemieschutz erlassen würden, die eine Durchführung des Kongresses völlig ausschließen würden.

Warum hatten Sie sich überhaupt ursprünglich für dieses hybride Veranstaltungsformat entschieden? Andere Veranstalter entscheiden sich in dieser Zeit für Online-Konferenzen.
Digitale Formate sind toll. Sie sind effizient, von jedem Ort aus möglich, und man spart sich Reisezeit. Wenn Sie aber Wissen austauschen wollen, nachfragen, neue Produkte und Lösungen von Ausstellern kennenlernen wollen, dann haben digitale Formate auf Dauer Nachteile. Deshalb hatten wir uns bewusst für die hybride Lösung entschieden. Sprich: unser Kongress sollte auch real stattfinden. Und wer wollte, sollte sich mit Digitalpässen auch online zuschalten können, um an unserem Programm teilzunehmen. Das war der Plan.

Wie haben die Besucher und Aussteller nun auf die Absage Ihrer Präsenzveranstaltung reagiert?
Heute ist Donnerstag, Tag zwei nach der Entscheidung für das rein digitale Kongressformat. Uns haben sehr viele zustimmende Reaktionen erreicht. Da hieß es unter anderem: „… das ist leider die einzig vernünftige und richtige Entscheidung. Es kommen wieder andere Zeiten“ oder „Auch bei mir war die Verunsicherung in den letzten Tagen sehr groß - mit einem ständigen Wechsel der Gefühlslage … Deshalb habe ich vollstes Verständnis für die Umstellung auf eine reine digitale Veranstaltung“. Das digitale Format stößt auf großes Interesse, aber für eine seriöse Aussage ist es noch zu früh.

Werden Sie Ausstellern und Besuchern die Kosten erstatten, die diesen durch diese Absage entsteht?
Wie gesagt: es ist Tag zwei nach der Entscheidung. Wir haben Gespräche mit allen Beteiligten begonnen und bislang viel Verständnis für die besondere Situation geerntet. Gemeinsam suchen wir nach guten Lösungen für alle Beteiligten. Da gibt es ein Potpourri von Möglichkeiten, je nach Interessenlage. Eine derart dramatische Umstellung eines Veranstaltungsformats durch höhere Gewalt ist in der 42-jährigen Geschichte der BVL bislang nicht vorgekommen.

Können Sie schon beziffern, wie hoch möglicherweise der finanzielle Schaden für die BVL sein wird?
Ja und nein. Das kann sehr teuer werden und damit für den gemeinnützigen Verein BVL ohne Frage ein finanzieller Kraftakt. Aber bitte lassen Sie uns nicht spekulieren. Die Gesundheit der Teilnehmer, Aussteller, Referenten, Medienvertreter, Techniker, Hotelmitarbeiter und unseres eigenen Teams stand und steht im Vordergrund.

Was ist die wichtigste Lesson learned, die Sie als Veranstalter durch dieses „Corona-Debakel“ gelernt haben?
Für das, was wir im Moment erleben, gibt es keine Blaupause. Wir haben zu jedem Zeitpunkt im Prozess so verantwortungsvoll wie möglich entschieden. Die Eskalation des Infektionsgeschehens und die große Verunsicherung in der Politik, in Wirtschaft und Gesellschaft, die darauf folgte, waren bis zur vergangenen Woche nicht absehbar. Die Umstände schienen beherrschbar zu sein: unser Hygienekonzept war von den Hotels und von Berliner Behörden als vorbildlich eingestuft worden. Noch in der ersten oder zweiten Oktoberwoche hätte der Kongress in der geplanten Form stattfinden können. Das Timing konnten wir uns am Ende nicht aussuchen.

Wird es in 2021 einen ganz normalen Kongress geben?
Klar - mit 5000 Teilnehmern. Man darf ja mal träumen. (eh)

Das Interview führte VerkehrsRundschau-Redakteurin Eva Hassa

Weitere Berichte zu diesem Thema finden Sie in unserem Special KONTRAKTLOGISTIK.

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