Was der BME gegen Calais-Zuschläge hat

11.09.2015 17:03 Uhr
Gunnar Gburek BME
Gunnar Gburek, Leiter der Sektion Logistik beim Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME)
©Foto: BME

Gunnar Gburek vom Einkäuferverband BME erklärt im Interview, warum Verlader kritisch auf Preiserhöhungen für Verkehre über den Problemhafen Calais reagieren.

VerkehrsRundschau: Wie wirkt sich die aktuelle Flüchtlingskrise am Fährhafen Calais auf die Logistik aus?

Gunnar Gburek: Wir beobachten deutliche Verzögerungen im Englandverkehr. Die Zuverlässigkeit mancher Supply Chains ist gestört. Einige Unternehmen müssen die Sicherheitsbestände hochfahren. Außerdem erheben Lkw-Speditionen immer häufiger Zuschläge auf die Fracht.

Wie hoch fallen diese Zuschläge aus?

Eine Blitzumfrage bei unseren Mitgliedsunternehmen ergab Preiserhöhungen von fünf bis zehn Prozent.

Ist hier ein Unterschied zwischen großen und kleinen Speditionen erkennbar?

Bei unserer Erhebung haben nur die großen Speditionen Zuschläge erhoben. Und sind diese Zuschläge aus Ihrer Sicht gerechtfertigt? Ja, wenn sie sich begründen lassen. Pauschale Erhöhungen hingegen sind nicht gerechtfertigt. Ein solches Vorgehen hat den Beigeschmack einer verdeckten Preiserhöhung.

Sehen die Verlader denn nicht die Mehraufwendungen bei den Spediteuren?

Ja schon, sofern die Transportqualität durch den Einsatz von mehr Geld auch wirklich verbessert wird. Dann sind die Aufraggeber gerne bereit, mehr zu zahlen. Wenn ein Spediteur zum Beispiel statt eines Planenzuges ein kostenintensiveres Kofferfahrzeug einsetzt, um den Zugang zum Laderaum zu sichern, ist dies eine nachvollziehbare Maßnahme. Der Einsatz von erfahrenen und damit höher bezahlten Fahrern kann ebenfalls durchaus sinnvoll sein.

Und das höhere Risiko für die Fahrer …

Wird nicht geringer, wenn die Spediteure dem Fahrer einfach nur mehr Lohn zahlen und der Fahrer dann doch von englischen Behörden festgenommen wird. Entscheidend sind nachweisbare Maßnahmen. Deshalb raten wir Verladern und Spediteuren, das Gespräch zu suchen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.

Ist es eine Lösung, den Fährhafen von Calais zu umgehen?

Kurzfristig ja, immer häufiger werden eilige Waren nun auch geflogen. Auf Dauer benötigen wir aber eine Lösung für den Lkw- und Schienenverkehr via Calais. Hier sind Politik und Behörden gefragt. Vermieden werden sollten beispielsweise lange Standzeiten. Je länger der Lkw in der Warteschlange steht, desto höher ist die Gefahr, dass Flüchtlinge sich Zutritt zum Fahrzeug verschaffen.

Gibt es flüchtlingsbedingte Zuschläge auch auf anderen Relationen?

Bisher konnten wir dies noch nicht feststellen.

Das Interview führte Andre Kranke, stellvertretender Chefredakteur der VerkehrsRundschau

Um was es geht: Höhere Preise wegen Flüchtlingen

Der Einkäufer-Verband BME kritisierte kürzlich, dass einige Spediteure pauschale Zuschläge für Lkw-Transporte im Englandverkehr verlangen. Begründet werden die höheren Preise mit den Problemen durch die vielen Flüchtlinge am französischen Fährhafen Calais und die scharfen Kontrollen der britischen Behörden. Der Industrieverlader-Verband unterstellt einigen Logistikern, die Situation auszunutzen, um eine Preiserhöhung durchzusetzen. ak

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