In der neuen Folge von VerkehrsRundschau Funk sprechen Deborah Baran und Christian Bonk über die Zukunft der Supply Chain und darüber, warum die Logistikbranche sich schneller verändern muss, als vielen bewusst ist. Grundlage ist die aktuelle Studie von SAP Business Consulting und der Kühne Logistics University, die ein klares Bild zeichnet: 2035 wird die Lieferkette vernetzter, KI‑gestützt, modularer und deutlich automatisierter sein – doch die Realität 2025 ist weit davon entfernt.
Supply Chain der Zukunft: Euphorie war gestern, Pragmatismus ist heute
Die neue SAP‑KLU‑Studie zeigt deutlich, wie stark sich die Perspektive auf Supply‑Chain‑Technologien in den vergangenen zehn Jahren verändert hat. 2014 herrschte Euphorie über mehr als 120 Use Cases – von 3D‑gedruckten Legosteinen bis zur Drohnenlieferung. Heute dominiert Pragmatismus. Viele Pilotprojekte scheiterten an Komplexität, unreifer Technologie oder mangelnder Datenqualität. Trotzdem ist der Optimismus groß. Dr. Florian Diehlmann beschreibt es im Podcast so: „In den nächsten zehn Jahren wird enorm viel Gutes passieren – aber wer 2035 vorne sein will, muss heute schon die Grundlagen legen.“
Drei Faktoren seien entscheidend: harmonisierte Strategien und KPIs, eine saubere Datenbasis und die Fähigkeit, sich flexibel an dynamische Märkte anzupassen. Denn niemand könne exakt vorhersagen, wie die Supply Chain 2035 aussehe – aber klar sei, dass Anpassungsfähigkeit zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werde.
Supply Chain 2035 - Wie KI, Robotik und Daten die Logistik verändern
Personalmangel, fehlende Integration, langsame Digitalisierung
Besonders deutlich wird die Lücke zwischen Anspruch und Realität in der Logistik. 39 Prozent der Unternehmen erwarten voll digitalisierte Lager bis 2035 – aber nur 17 Prozent nutzen heute Echtzeitdaten. Gleichzeitig verloren 43 Prozent der Lagerbetreiber 2024 Umsatz durch fehlendes Personal. Daniel Hassenpflug beschreibt die Situation im Podcast aus seiner Beratungspraxis: „Irgendwie weitermachen reicht nicht mehr – wer jetzt nicht investiert, wird den Anschluss verlieren.“ Die Ursachen sind bekannt: historisch gewachsene Strukturen, fehlende Integration zwischen Lager, Transport und Einkauf sowie die Einstufung der Logistik als reines Cost Center. Doch die Anforderungen steigen: Kunden erwarten schnellere Lieferungen, Energie und Transport werden teurer, und der Fachkräftemangel verschärft sich weiter.
Automatisierung wird damit zum zentralen Hebel. Ein Praxisbeispiel aus der Studie zeigt, was bereits möglich ist: Ein Automobilzulieferer senkte seine Materialflusskosten um 25–30 Prozent durch autonome AGVs, die voll integriert mit MES und ERP arbeiten. Gleichzeitig rücken humanoide Roboter näher an den Unternehmensalltag, weil KI‑gestützte Systeme zunehmend auch unvorhersehbare Situationen meistern können – etwa flexibles Picking oder autonome Entscheidungen bei Störungen.
Wie Logistik 2035 wirklich funktionieren wird
Die Studie beschreibt eine Architektur spezialisierter KI‑Agenten – etwa Demand, Warehouse und Logistics Agents –, die gemeinsam arbeiten und den Menschen entlasten. Der Disponent 2035 wird weniger telefonieren und mehr orchestrieren: Agenten erkennen Verspätungen, planen Docks automatisch um, buchen Kapazitäten basierend auf Wetterprognosen oder richten Kommissionierzonen ein, wenn mehrere Aufträge gleichzeitig eintreffen.
Parallel entstehen Business Networks, die Echtzeitdaten über Unternehmensgrenzen hinweg teilen. Heute arbeitet nur jeder zweite Lkw in der EU mit voller Ladung, jeder fünfte fährt sogar leer. Durch gemeinsame Routenoptimierung und CO₂‑Transparenz können Effizienz und Nachhaltigkeit erstmals zusammen gedacht werden.
Für den Mittelstand wird Technologie durch die Cloud demokratisiert: Automatic Tendering, KI‑gestützte Planung oder End‑to‑End‑Apps sind heute als Service verfügbar – ohne eigene Data‑Science‑Teams. „Planning as a Service“ könnte mittelfristig ein realistischer Weg sein, um Prognosen und Risiko‑Mitigation auszulagern.