Somalier bestreiten Vorwurf der Seeräuberei

25.05.2010 15:35 Uhr
Den fünf Angeklagten droht zwischen neun und zwölf Jahren Haft

Prozessbeginn in den Niederlanden: Die fünf mutmaßlichen Piraten behaupten, Fischer zu sein

Rotterdam. Die Angeklagten im ersten europäischen Prozess gegen mutmaßliche somalische Seeräuber bestreiten den Vorwurf der Piraterie. Die fünf Männer seien nichts weiter als einfache Fischer, deren defektes Boot in Seenot geraten sei, erklärte einer ihrer Anwälte am Dienstag vor dem Amtsgericht in Rotterdam. Hilfesuchend hätten sich die Somalier im Alter zwischen 25 und 45 Jahren Anfang Januar 2009 an den Frachter "Samanyolu" gewandt - und nicht in der Absicht, das Schiff zu überfallen.

"Wir hatten unsere Hände hoch erhoben, als wir uns dem Schiff näherten und plötzlich auf uns geschossen wurde", schilderte der 25-jährige Farah Ahmed Yusuf. Zugleich widerriefen die Angeklagten frühere Aussagen gegenüber dänischen Marineoffizieren, wonach sie vorgehabt hätten, das unter der Flagge der Niederländischen Antillen fahrende türkische Schiff "Samanyolu" zu kapern. "Wir wollten nichts weiter als Fischen", sagte Ahmed.  Einer der Angeklagten, der 39- jährige Sayed Ali Garaar, erklärte allerdings mit tränenerstickter Stimme, bittere Armut habe ihn "in diese Lage gebracht". Seine Kinder würden Hunger leiden.    

Staatsanwaltschaft: Absicht der fünf Männer sei eindeutig gewesen

Die fünf Männer sind angeklagt, das Frachtschiff am 2. Januar 2009 mit einem Raketenwerfer und anderen Waffen angegriffen zu haben. Sie hätten das Schiff wegen der Gegenwehr der Besatzung zwar nicht entern können, die Absicht sei aber "völlig eindeutig" gewesen, erklärte die Staatsanwaltschaft. Die Besatzung der "Samanyolu" habe das Schnellboot der Somalier, das ein für Piraten am Horn von Afrika typisches Angriffsboot gewesen sei, mit Leuchtmunition in Brand geschossen und dadurch versenkt.

Auch ein Marinehubschrauber Dänemarks hatte die Somalier später beschossen und sie aus dem Wasser gefischt, als ihr Boot sank. An Bord einer dänischen Fregatte sollen sie dann zugegeben haben, Seeräuber zu sein. Das geht aus Zeugenangaben dänischer Marineangehöriger hervor, die Richter Jan Willem Klein Woltering verlesen ließ.

Allerdings räumte die Hubschrauberbesatzung darin auch ein, auf dem Boot der Somalier Enterhaken, aber keine Waffen gesehen zu haben. Demgegenüber gab der Kapitän der "Samanyolu" zu Protokoll, die Somalis hätten mit automatischen Waffen und einem Raketenwerfer mehrfach in Richtung seines Schiffes gefeuert. Die Vorwürfe gegen die Männer seien allerdings kaum zu beweisen, erklärte zuvor der Verteidiger Jan Ausma. "Das ist nicht mehr zu überprüfen, denn das Boot, in dem die Männer saßen, liegt auf dem Meeresgrund."

Vier Wochen später überstellte Kopenhagen sie aufgrund eines Auslieferungsbegehrens an die niederländische Justiz. Den Männern im Alter zwischen 25 und 45 Jahre drohen Gefängnisstrafen von neun bis zu zwölf Jahren. Die Urteile sollen am 16. Juni verkündet werden. Mit dem Prozess gegen mutmaßliche somalische Piraten wollten die Niederlande einen Beitrag für den internationalen Kampf gegen die Seeräuberei im Golf von Aden leisten, erklärte Justizminister Ernst Hirsch Ballin.

Mutmaßliche Piraten können auch trotz Verurteilung nicht abgeschoben werden

Dass die Somalier nach Verbüßung einer eventuellen Strafe in ihre Heimat zurückkehren, gilt in den Niederlanden als unwahrscheinlich. Einer von ihnen habe bereits erklärt, er werde Asyl beantragen, berichtete der Sender NOS. Nach niederländischem Recht können die Männer auch im Falle einer Verurteilung nicht abgeschoben werden, da das völlig zerrüttete Bürgerkriegsland Somalia als zu gefährlich gilt.

Demnächst könnte es auch in Deutschland einen Prozess gegen mutmaßliche Seeräuber aus Somalia geben. Über die Auslieferung von zehn Somaliern an die Hamburger Justiz will ein Gericht in Amsterdam am 4. Juni entscheiden. Die Männer waren Anfang April bei einer Befreiungsaktion der niederländischen Marine auf dem deutschen Containerschiff "Taipan" überwältigt und festgenommen worden. Auch ihnen drohen bis zu zwölf Jahre Haft. (dpa)

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