Paris. Die französische Staatsbahn SNCF hat im Rahmen ihres Vollübernahme-Angebots 98,09 Prozent am Kapital der führenden Transport- und Logistikgruppe Geodis S.A. erworben, an der sie bisher nur mit 42,37 Pozent beteiligt war. Von den Stimmrechten erhielt sie 98,22 Prozent. Das gab die Pariser Börsenbehörde AMF bekannt. Sie verlängerte das SNCF-Angebot bis zum 24. Juli, um der Bahn zu ermöglichen, auch noch die restlichen Prozentanteile zu bekommen. Der Aktienwert für diese wurde auf 132,15 Euro festgelegt. Für das Staatsunternehmen ist jetzt der Weg dafür frei, nach dem Muster der Gruppierung DB/Schenker zur Spitzengruppe der europäischen Transport- und Logistikunternehmen aufzuschließen. Für das Zusammengehen von SNCF und Geodis rechnet Bahnchef Guillaume Pepy mit 9 bis 12 Monaten, wie er in einem Interview mit der Zeitung „Les Echos“ erklärte. Es handele sich bei dem Zusammenschluss nicht um eine Fusion. Er sei eher zu vergleichen mit dem Modell Air France/KLM unter Beibehalten der beiderseitigen Rechtseinheiten. Als Zielgruppe des neuen Konzerns im Transport- und Logistiksektor bezeichnete Pepy die Großkunden. Für deren Bedürfnisse könne man jetzt kombinierte Angebote auch in solchen Bereichen unterbreiten, in denen dies wegen der bisherigen Geodis-Kapitalzusammensetzung nicht möglich gewesen sei. Als Beispiel nannte der SNCF-Chef den Transport mit Hochgeschwindigkeitszügen. Das sei langfristig ein rentables Vorhaben, erfordere aber eine längere Start- und Erprobungszeit, welche man den vormaligen Aktionären nicht habe zumuten können. Pepy unterstrich besonders den nationalen Aspekt des Zusammenschlusses : „Wenn der französische Warenvertrieb vollständig von einem deutschen oder US-amerikanischen Logistiker abhinge, würde dies unsere Wirtschaft bestimmt in eine fragile Situation bringen“, sagte der SNCF-Chef. Zweites Ziel sei, auf Nachfragen nach Multimodal- und Komplettangeboten antworten zu können, und das dritte Ziel, „mehr Fracht“ zu befördern. Hierfür müsse man multimodal agieren und weltweit operieren können, wie DB dies durch das Zusammengehen mit Schenker in Deutschland demonstriert habe, wo der Bahnfrachtanteil seither um 26 Pozent gestiegen sei. Was sich die französische Staatsbahn von der Geodis-Übernahme verspricht, erläuterte Guillaume Pepy am Beispiel der Überführung des Renault-Billig-PKW Dacia von Rumänien nach Frankreich. Bis Ende Mai habe man hierfür ausschließlich LKW eingesetzt. Heute erfolge der Transport vom rumänischen Pitesti per Bahn nach Valenton bei Paris, von wo die Autos per LKW lediglich noch bis zu den Vertragshändlern im Großraum Paris geliefert würden. Solche Transporte strebe man nunmehr vermehrt an, auch in den Bereichen Stahl- und Konsumgüterwirtschaft. Eine starke Priorität räumte Pepy dem KEP-Transport mit Hochgeschwindigkeitszügen ein. Mit der Staatsschwester La Poste betreibt SNCF schon ein gemeinsames Unternehmen unter dem Namen Fret Grande Vitesse, mit dem US-Unternehmen FedEx besteht ein Projekt mit europäischem Maßstab im Stückgut- und Expressverkehr. Hier sei ab 2012 oder 2013 mit den ersten Einsätzen von Hochgeschwindigkeitszügen zu rechnen. Durch den Zusammenschluss von SNCF und Geodis habe man „zwei bis drei Jahre gewonnen“, erklärte Ppy. Das Ziel, den Frachtbereich bis 2010 finanziell ins Gleichgewicht zu bringen, sieht der Bahn-Chef durch die jüngste wirtschaftliche Verlangsamung nicht in Frage gestellt. Sollte sie sich bis zum Herbst als dauerhaft erweisen, würde dies den zeitlichen Druck zur raschen Verwirklichung der eingeleiteten Frachtreform nur noch verstärken. Hierzu gehöre als unabdingbar auch eine Reform der Arbeitsorganisation bei der Bahn. Nach starkem und einhelligem Gewerkschaftswiderstand hat Pepy dieses Vorhaben im Mai zunächst einmal auf Eis gelegt, „aber nicht aufgegeben“. Man werde den Eisenbahnern jetzt vorschlagen, auf freiwilliger Basis neue Arbeitsorganisationsformen zu testen, und wolle gleichzeitig die momentan unterbrochenen Verhandlungen mit den Gewerkschaften fortsetzen. Im Übrigen liefen solche zurzeit auch im Bereich der privaten Bahnunternehmen. Guillaume Pepy äußerte sich ebenso zur künftigen Finanzstrategie der französischen Staatsbahn. Wenn La Poste ihr Kapital mit Blick auf die bevorstehenden Voll-Liberalisierung des Briefsektors öffne, könne das nicht zugleich für die Bahn gelten: „Hierfür habe ich kein Mandat.“ Die SNCF könne und solle sich bei ihrer weiteren Entwicklung ausschließlich auf ihre Cash-flow-Kapazität stützen. Für die für 2008 vorgesehenen Investitionen in Höhe von 4 Milliarden Euro bedürfe die Bahn keiner Kapitalerhöhung. Sie würden zu 2,5 Milliarden aus den Eigenmitteln bestritten. Hinsichtlich externen Wachstums verweist Pepy darauf, dass die Nettoverschuldung des Staatskonzerns rund 0,5-mal so hoch sei wie das Eigenkapital. Beim deutschen Konkurrenten DB liege sie bei 1,5-mal so viel. Im Herbst werde Paris für die Bahn eine Höchstverschuldungsbegrenzung festlegen, kündigte SNCF-Vorstand Guillaume Pepy abschließend an. (jb)
SNCF : Geodis-Übernahme voller Erfolg
Bahnchef Pepy erwartet erste Resultate in neun bis zwölf Monaten