Scharfe Kritik an Lösegeldzahlung an Piraten

05.08.2009 11:10 Uhr
Hansa Stavanger mit Fregatten
Die 'Hansa Stavanger' in Begleitung der Fregatten 'Brandenburg' und Rheinland-Pfalz'
© Foto: ddp

Deutsche Politiker fordern härteres Eingreifen gegen Schiffsentführer

Berlin/Nairobi/London. Die Lösegeldzahlung an somalische Piraten ist in der Politik scharf kritisiert worden. Der CSU-Sicherheitsexperte Hans-Peter Uhl forderte ein Ende der „Scheckbuch- Diplomatie mit somalischen Piraten“. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte Uhl: Für die Piraten am Horn von Afrika sei das eine Aufforderung zu weiteren Überfällen. „Die Gefahr für deutsche Handelsschiffe wird dadurch größer statt kleiner.“ Uhl forderte eine deutlich härtere Gangart gegen die Seeräuber. Es sei notwendig, gekaperte Schiffe noch auf hoher See notfalls mit Waffengewalt zurückzuerobern. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion Thomas Oppermann sagte der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“: „Das Problem der Piraterie wird dadurch nicht kleiner“. Der Westen finanziere mit Lösegeldzahlungen eine Entführungsindustrie in Somalia. Es seien „hoch professionelle Banden“. „Organisierte Kriminalität hat aus der Piraterie ein einträgliches Geschäft gemacht“, betonte Oppermann. Die somalischen Piraten haben Besatzungsmitglieder des freigegebenen deutschen Containerschiffs „Hansa Stavanger“ offenkundig mit Scheinhinrichtungen terrorisiert. Frederik E. aus Brake, 2. Offizier auf dem Schiff, habe seinem Vater berichtet, dass sich Besatzungs-Mitglieder mit verbundenen Augen hinknien mussten und anschließend Gewehrsalven über ihre Köpfe hinweg abgefeuert wurden, berichtete die Onlineausgabe der „Deutschen Schifffahrts-Zeitung“. Angehörige kritisieren Bundesregierung Sein Vater klagte die Bundesregierung massiv an: „Wir fühlten uns als Angehörige von der Regierung und dem Krisenstab am Ende nur noch im Stich gelassen“, sagte er der „Nordwest Zeitung“. Er habe an Bundeskanzlerin, Bundespräsident und weitere führende Politiker aller Parteien in seiner Not geschrieben und keine Antwort bekommen. „Aus dem Kanzleramt habe ich immerhin eine Eingangsbestätigung bekommen, aber mehr auch nicht“, sagte er. Das deutsche Containerschiff mit seinen 24 Crewmitgliedern, darunter fünf Deutsche, wird am Donnerstagabend oder Freitag in der kenianischen Hafenstadt Mombasa erwartet. An Bord ist auch ein Marinearzt. Laut Bundeswehr wird das Schiff von der Fregatte „Brandenburg“ begleitet. Nach viermonatigem Martyrium an Bord der „Hansa Stavanger“ hatten die Piraten das Schiff am Montagabend verlassen. Zuvor hatten sie nach eigenen Angaben umgerechnet 2,1 Millionen Euro Lösegeld vom Eigentümer, der Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg, erhalten. Reederei rechtfertigt lange Verhandlungen Nach Kritik des Verbands deutscher Kapitäne und Schiffsoffiziere sowie der Ehefrau des Kapitäns rechtfertigte die Reederei die monatelangen Verhandlungen mit den Geiselnehmern. Reederei-Geschäftsführer Frank Leonhardt sagte, dass es unter den „skrupellosen Kriminellen“ keine zuverlässigen Gesprächspartner gegeben habe. „Viele Aussagen der Gegenseite waren wenige Stunden später schon nichts mehr wert“, sagte er. Die vier Monate in der Gewalt der Piraten seien eine „schier unerträglich lange Zeit“ für die Besatzungsmitglieder und deren Angehörige gewesen. „Keiner von uns vermag sich vorzustellen, welche unzumutbare seelische Belastung das gewesen ist“, sagte Leonhardt. Piraten hatten die „Hansa Stavanger“ am 4. April rund 650 Kilometer von der somalischen Küste entfernt in ihre Gewalt gebracht. Bei den fünf Deutschen an Bord handelt es sich um zwei Auszubildende, einen Offizier und den Kapitän. Zeitweise war die Lage an Bord höchst dramatisch. „Wir haben kein Wasser, kein Essen, keine Medikamente“, berichtete der Kapitän nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ bereits Ende Juli. „Wir können nicht mehr“, schrieb er in einer E-Mail. Ein Sprecher der EU-Operation Atalanta sagte am Dienstag, es bestehe zwar keine akute Gefahr für Leib und Leben, die psychische Belastung habe jedoch Spuren hinterlassen. Den Besatzungsmitgliedern des deutschen Containerschiffs gehe es den Umständen entsprechend gut. Nachdem die Seeräuber das Schiff am Montagabend verlassen hatten, habe der Frachter zunächst Kurs auf die in der Nähe wartende Fregatte „Rheinland-Pfalz“ genommen, teilte der Kapitän der „Hansa Stavanger“ mit. „Seit 20.45 Uhr befand sich neben der Fregatte ‚Rheinland-Pfalz‘ auch die Fregatte ‚Brandenburg‘ vor Ort“, heißt es auf der Webseite der Bundeswehr weiter. Unmittelbar nach Abzug der Piraten hätten die Kriegsschiffe Soldaten auf den Frachter geschickt, die medizinische Versorgung anboten und Lebensmittel brachten. „Alle Besatzungsmitglieder wurden untersucht und sind wohlauf. Es gibt keine Verletzten und keine medizinische Notlage.“ Wegen starken Muschelbefalls, der sich während der langen Liegezeit gebildet habe, komme die „Hansa Stavanger“ Richtung Mombasa nur langsam voran, sagte ein Sprecher des Ostafrikanischen Seefahrerprogramms. Deswegen werde der Frachter frühestens Donnerstagabend, vermutlich aber erst am Freitag in der kenianischen Hafenstadt eintreffen. Nach Angaben von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) werden die Besatzungsmitglieder nach der Ankunft in Mombasa in ihre Heimatländer ausgeflogen. (dpa)

MEISTGELESEN


STELLENANGEBOTE


KOMMENTARE

SAGEN SIE UNS IHRE MEINUNG

Die qualifizierte Meinung unserer Leser zu allen Branchenthemen ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie bei Ihren Kommentaren auf die Netiquette, um allen Teilnehmern eine angenehme Kommunikation zu ermöglichen. Vielen Dank!


NEWSLETTER

Newsletter abonnieren und keine Branchen-News mehr verpassen.


Die VerkehrsRundschau ist eine unabhängige und kompetente Abo-Fachzeitschrift für Spedition, Transport und Logistik und ein tagesaktuelles Online-Portal. VerkehrsRunschau.de bietet aktuelle Nachrichten, Hintergrundberichte, Analysen und informiert unter anderem zu Themen rund um Nutzfahrzeuge, Transport, Lager, Umschlag, Lkw-Maut, Fahrverbote, Fuhrparkmanagement, KEP sowie Ausbildung und Karriere, Recht und Geld, Test und Technik. Informative Dossiers bietet die VerkehrsRundschau auch zu Produkten und Dienstleistungen wie schwere Lkw, Trailer, Gabelstapler, Lagertechnik oder Versicherungen. Die Leser der VerkehrsRundschau sind Inhaber, Geschäftsführer, leitende Angestellte bei Logistikdienstleistern aus Transport, Spedition und Lagerei, Transportlogistik-Entscheider aus der verladenden Wirtschaft und Industrie.