Rostock. Bei den Ostsee-Fährreedereien wächst das Unbehagen über die Folgen des von der Internationalen Schifffahrtsorganisation IMO in diesem Frühjahr beschlossenen Luftreinhaltungspaketes. Es sieht unter anderem vor, dass der Schwefelgehalt des Schiffstreibstoffs in einem Mehrstufen-Prozess weiter gesenkt wird. Geht es nach der IMO, dann werden die heute schon als so genannte „Schwefelsondergebiete“ eingestuften Fahrtgebiete Ostsee und Nordsee künftig mit den weltweit schärfsten Grenzwerten beim Schwefelgehalt konfrontiert. Eine Folge wäre aus Reedereisicht, dass die Treibstoffpreise geradezu explodieren. Zudem stellen sie in Frage, dass dauerhaft genügend schwefelarmer Bunkerreibstoff zur Verfügung steht. In nüchternen Zahlen heißt das: Ab 2010 dürfen die Schiffe in der Ost- und Nordsee nur einen Treibstoff mit einem Schwefelanteil einem Prozent verbrennen. 2015 darf dieser Anteil sogar nur noch 0,1 Prozent betragen. Hingegen soll zum Beispiel in anderen Fahrtgebieten der Welt 3,5 Prozent – ab 2012 – und 0,5 Prozent ab dem Jahr 2020 vorgeschrieben sein. Wobei die IMO ihrerseits 2018 noch einmal für sich eine kritische Bestandsaufnahme durchführen wird, in der die Frage nach einer ausreichenden, weltweiten Verfügbarkeit dieses höherwertigen Treibstoffes im Mittelpunkt steht. Hanns Heinrich Conzen, Mitglied der Geschäftsführung bei der Lübecker TT-Line, hält diesen IMO-Beschluss daher für einen Irrweg. Was Conzen und seine Kollegen von den anderen Fähr-Operateuren besonders ärgert, ist die aus seiner Sicht stattfindende Ungleichbehandlung der Reedereien. So würden in der Ostsee ganze drei Prozent des Weltseeverkehrsaufkommens anfallen, der Rest verteile sich auf die anderen Meere. Wenn also wirklich etwas für den Umweltschutz getan werden soll, dann müssten die Schadstoffnormen des Treibstoffes weltweit auf ein niedriges Niveau abgesenkt werden. Conzen spricht daher von einer „klaren Diskriminierung“ der Reedereien, die ausschließlich in den beiden bereits bestehenden Schwefelsondergebieten tätig sind. Eine Weitergabe der umweltpolitisch motivierten Mehrkosten beim Treibstoff an die Kunden hält Conzen für fragwürdig. Zwar werden schon seit langem Treibstoff-Zuschläge auf die Seefracht erhoben. Doch ein solcher Kostensprung werde vom Markt nicht kommentarlos aufgefangen. Conzen: „Unter solchen Bedingungen wird das verkehrs- und umweltpolitische Ziel, ‚from road to sea’ auf den Kopf gestellt. Dann geht wieder jede Menge Ladung zurück auf die Straße.“ Conzen sieht die heute schon sauberere Schifffahrt in der Ostsee durch die IMO-Pläne längerfristig gefährdet. Der Schifffahrtsexperte: „Unsere Schiffsbetriebskosten würden sich durch einen solchen Schritt, würde er so umgesetzt, verdoppeln.“ Doch damit würden alle Fährreeder, die ihr Geld in den Schwefelsondergebieten Ost- und Nordsee, ins Mark getroffen. Conzen: „Wer kann und will vor einem solchen Hintergrund noch in neue Tonnage investieren. Mal ganz davon abgesehen, dass ein heute bestelltes Fährschiff doppelt so teuer ist wie 1999.“ Damit nicht genug: Heute bestellt, würde es aufgrund der ausgelasteten Werften frühestens in drei Jahren zur Verfügung stehen. Angesichts dieser Perspektiven will TT-Line alle Hebel in Gang setzen, um die IMO-Pläne zu entschärfen. Unterstützung bekommt die Reederei dabei auch von der Scandlines-Gruppe. Conzen: „Wir haben inzwischen massiv beim Bundesverkehrsministerium interveniert und auf die dramatischen Konsequenzen für den Seeverkehr in der Ostsee hingewiesen.“ Frank-Michael Havemann, Leiter Konzernkommunikation beim Mitbewerber Scandlines, stellt klar: „Wir marschieren bei diesem Thema Schulter an Schulter mit unseren Kollegen.“ (eha)
Ostseereeder fühlen sich diskriminiert
Weltweit schärfsten Grenzwerte für Ostsee: IMO-Pläne zur Schadstoffverringerung in Schiffstreibstoffen belasten Fährreedereien