VR: Der schwache Euro lockt Investoren aus Übersee, in Europa Firmen zu kaufen – wie die Beispiele FedEx und XPO Logistics zeigen. Muss die Speditions- und Logistikbranche mit verstärkten Zukäufen rechnen?
Knut Heymann: Ich bin nicht davon überzeugt, weil die US-Logistiker schon verschiedentlich bei Firmenaufkäufen in Europa gescheitert sind. Beispiele sind FedEx, Schneider und Ryder. Die amerikanischen Logistikstrukturen sind mit Europa nicht vergleichbar. Die Integration von Unternehmen ist nicht die Stärke der Amerikaner. Gleichwohl sind im Fall von XPO Logistics weitere Zukäufe von größeren Lkw-Speditionen mit eigenen Logistikaktivitäten in Deutschland vorstellbar, da Dentressangle hierzulande bislang keine vergleichbare Firmengröße und Bulknetzwerk hat.
Wie groß ist derzeit der Verkaufswille von Unternehmern?
Aufgrund der Nachfolgeproblematik gibt es momentan deutlich mehr Firmen, die verkaufen wollen als interessierte Käufer. Angebot und Nachfrage klaffen sehr weit auseinander. Die Zeit der großen strategischen Übernahmen ist vorbei, wie dies vor Jahren bei Deutsche Post DHL, DSV und Kühne + Nagel der Fall gewesen ist. Im vergangenen Jahr hatte ich selbst einige Verkaufsmandate für Speditionen. Doch selbst wenn es gepasst hätte, haben die Käufer wegen der zu niedrigen Gewinnmargen in dem jeweiligen Betrieb abgewinkt.
Was macht eine Spedition attraktiv?
Unternehmen kaufen heute nicht mehr beliebig zu, sondern sehr gezielt. Sie prüfen die Struktur der Mitarbeiter, der Gebäude und Fahrzeuge genau. Für Stückgutspeditionen spielen zudem der Unternehmenssitz und seine Standorte eine wesentliche Rolle. Die Übernahme von Ascherl durch C.E. Noerpel war notwendig, um den schwierigen Stückgutstandort München für das IDS Netzwerk zu erhalten.
Kaufen deutsche Mittelstandsspeditionen im angrenzenden Europa verstärkt zu?
Das ist eine Entwicklung, die im vollen Gang ist. Denken Sie an die Geis Group, Hellmann Worldwide Logistics und CC Cretschmar. Sie streben durch gezielte Zukäufe ins nahe benachbarte Ausland. Aber auch ausländische Speditionen, Beispiel Übernahme der Diehl Gruppe durch Gebrüder Weiss Österreich, sichern die Netze der europäischen Stückgutkooperationen. Und den speditionellen Mittelstands-Kooperationen bleibt in Europa auch gar nichts anderes übrig, um das eigene Netz abzusichern. Zumal das Wachstum im internationalen Markt größer ist als im nationalen. Einem Unternehmer muss es aber immer bewusst sein, dass er mit jedem Aufkauf nicht nur ein neues Land betritt, sondern auch eine neue Sprach-Welt, Kultur und Mentalität. Schwierig ist dies vor allem in Frankreich.
Welche Fehler sollten bei einer Integration auf beiden Seiten vermieden werden?
Speditions- und Logistikunternehmen lassen sich sehr schwierig integrieren. Mitarbeiter und Kunden machen nun einmal den Wert eines Unternehmens aus. Wenn diese abspringen, ist die Firma nur halb so viel wert.
Das Interview führte VR-Redakteurin Eva Hassa
Das Interview stammt aus dem ersten Beitrag der VerkehrsRundschau Serie Unternehmenskauf, der in Ausgabe VR 20/2015 erschienen ist. Online- und Premium-Abonnenten können den Beitrag online als E-Paper lesen.