München. Nach dem Platzen der Scania-Übernahme durch MAN gönnen sich die Beteiligten zunächst einmal eine Denkpause. Branchenkenner gehen davon aus, dass noch Monate ins Land gehen können, bis die Scania-Großaktionäre Volkswagen und Investor sowie MAN einen neuen Anlauf für eine europäische LKW-Allianz starten. MAN-Chef Hakan Samuelsson dürfte bei der Bilanzvorlage für sein Unternehmen an diesem Dienstag also kaum mit neuen Konzepten für einen Zusammenschluss antreten. Das von ihm angestoßene Zusammenrücken lässt sich indes nicht zurückdrehen: Zu viel hat VW als größter Aktionär von Scania und MAN schon bisher in das Projekt investiert. „Das muss sich jetzt auch rentieren“, sagt Autoexperte Frank Schwope von der NordLB. Über das Wie der Neuordnung herrscht allerdings weiter Rätselraten. Klar ist und bleibt: VW will möglichst viel Einfluss in einer künftigen Allianz, in die der Konzern seine brasilianischen LKW-Aktivitäten einbringen will. Deshalb wird auch erwartet, dass der Wolfsburger Autobauer, schon jetzt größter MAN-Aktionär, seine Anteile an den Münchnern auf knapp unter 30 Prozent aufstockt. Im Gespräch sind auch Überlegungen bei VW, zwei Vertreter in den MAN- Aufsichtsrat zu entsenden und auf eine Ablösung Samuelssons zu drängen. Allerdings genießt der 55-Jährige starken Rückhalt: Gleich zwei Mal in den vergangenen beiden Wochen stärkte ihm der Aufsichtsrat den Rücken und erklärte, Samuelsson genieße das „einmütige“ Vertrauen der MAN-Kontrolleure. Auch in der Branche war die Kritik an dem Schweden, der mit den Scania-Übernahmeplänen sein bisher wichtigstes Projekt hatte begraben müssen, relativ verhalten ausgefallen. Zwar wurde ihm eine mangelhafte Vorbereitung des Deals vorgeworfen, weil er sich nicht vorab die Zustimmung der Scania-Großaktionäre gesichert hatte. Doch galten Indiskretionen in Samuelssons schwedischer Heimat als Ursache für eine überhastete Bekanntgabe der milliardenschweren Offerte für den schwedischen Konkurrenten im September vergangenen Jahres. Die industrielle Logik eines Zusammenschlusses gilt weiter als unumstritten. „Es macht Sinn, wenn MAN und Scania zusammengehen. Bei einem größer werdenden Europa ist MAN alleine zu klein“, sagt Harald Flassbeck, IG-Metall-Vertreter im MAN-Aufsichtsrat. Auch die Bilanz für 2006, die MAN demonstrativ um einen ganzen Monat vorgezogen hatte, dürfte Samuelsson eher Anerkennung als Kritik einbringen: Das Geschäft mit Lastwagen und Dieselmotoren brummt weiter, der MAN-Chef hat mit dem schon lange anstehenden Konzernumbau ernst gemacht – beispielsweise mit dem Verkauf der Druckmaschinensparte im März vergangenen Jahres – und den einst breit aufgestellten Industriekonzern weiter auf Profitabilität getrimmt. Und mit der MAN-Aktie geht es schon lange fast nur bergauf. Schon bei Vorlage der Neunmonatszahlen im November hatte Samuelsson für das Gesamtjahr einen mindestens zehnprozentigen Anstieg des Vorjahresumsatzes von 13 Milliarden Euro und das Überschreiten der Milliarden-Schwelle beim operativen Ergebnis in Aussicht gestellt. Branchenexperten trauen den Münchnern nun zu, dass sie beim Ausblick für das laufende Jahr weitere positive Überraschungen im Gepäck haben. „Das operative Geschäft läuft richtig rund“, sagt ein Analyst. (dpa)
LKW-Branche in der Denkpause
Nach Einschätzung von Branchenkenner könnten noch Monate vergehen, bis Volkswagen, Investor und MAN einen neuen Anlauf für eine europäische LKW-Allianz starten