Ems wird zum "technischen Gewässer“

26.01.2009 15:10 Uhr
Umweltschutzverbände haben die Schaffung eines Kanals neben der Ems vorgeschlagen (Bild: Pixelio)

Umweltverbände WWF und BUND für Bau eines Kanals neben der Ems zwischen Papenburg und Leer

Leer. Ein umstrittenes Sperrwerk, eine neue Schleuse oder ein gewaltiger Verbindungskanal – in Ostfriesland werden immer wieder vermeintliche Wundermittel gegen Verstopfung beim „Patienten Ems“ heiß diskutiert. Eine wirksame Rezeptur, eine Balance von Wirtschafts- und Umweltinteressen kam dabei bisher jedoch nicht heraus. Weiterhin wühlen Baggerschiffe den Grund auf. Sie machen den Weg frei für die bunten Traumschiffe aus der Papenburger Meyer Werft. Der Baggerschlick muss entsorgt werden – Fachleute grübeln über Deponie-Konzepten. Und wieder andere Experten rätseln über die Ursache des giftigen Dioxin, das 2008 an den Flussufern gefunden wurde. Die Probleme stauen sich langsam. Teilweise ähnelt sich die Lage an Ems, Weser und Elbe: An den Flussmündungen drängen sich Industrie, Kraftwerke und Schifffahrt. Für die immer tiefer gehenden Schiffe wird es eng unterm Kiel. Auswege sind Ausbaggerungen und exponiert gelegene Neubauten wie das Containerterminal in Bremerhaven oder der JadeWeserPort. Doch an der Ems ist alles etwas anders. Dort kann das Wasser mit einem Sperrwerk aufgestaut werden. Das nützt vor allem der 30 Kilometer stromaufwärts gelegenen Meyer Werft in Papenburg. Das Traditionsunternehmen produziert moderne Kreuzfahrtschiffe für Kunden in aller Welt. Auflagen sollen verhindern, dass der Fluss im Sommer durch das Aufstauen umkippt. Die bisherigen Ergebnisse sind jedoch umstritten. Anders als die zuständigen Behörden registrieren Naturschützer „katastrophale Sauerstoffwerte“. „Der Fluss ist auf einer Strecke von über 30 Kilometern praktisch tot“, sagt Beatrice Claus von der Umweltstiftung WWF in Hamburg. Nach früheren Ausbauten drückt die Flut stärker als die Ebbe Wasser und Schlick in die Mündung. „An keinem anderen Fluss ist so viel herumgedoktert worden“, schimpfen Anwohner. „Wir müssen aufpassen, sonst entsteht hier ein technisches Gewässer“, warnte kürzlich ein Emder CDU-Ratspolitiker. Seit Jahren fordern Umweltschützer den Umzug der Werft zur Küste – unter anderem aus Kostengründen. Allein die Baggerfahrten verschlingen derzeit jährlich um die zehn Millionen Euro. Werftchef Bernhard Meyer erinnert dagegen an frühere Absprachen mit dem Land Niedersachsen über die Tiefe der Ems und das ganzjährige Aufstauen des Flusses: „Das war Basis unserer Investitionen“, sagt der Chef von mehr als 2500 Mitarbeitern. Einen Umzug lehnt er ab. „Das geht wirtschaftlich gar nicht, nach Emden zu gehen“, betont er immer wieder. WWF und der Bund für Umwelt und Naturschutz brachten nun in Geheimgesprächen mit Meyer die Idee eines Kanals neben der Ems von Papenburg nach Leer ins Spiel. Damit sollten die starren Fronten zwischen Wirtschaft und Naturschutz aufbrechen. Doch der vertrauliche Plan wurde vorzeitig bekannt und bekam ungewollte Dynamik. Politiker und Wirtschaft fordern bereits eine Variante im XXL-Format: In einigen Köpfen wurde aus dem „Meyer-Kanal“ schon ein „Panama-Kanal“ von Leer bis Dörpen mit 100 Metern Breite und üppiger Industrieansiedlung. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) setzt sich für eine Machbarkeitsstudie ein: „Ein derartig umfangreiches Projekt ist keine Utopie, sondern eine zu prüfende Alternative.“ Regionale Naturschützer sind entsetzt: Die Bürgerinitiative „Rettet die Ems“ lehnt die Kanal-Idee von WWF und BUND ab und fühlt sich überrumpelt. Der „Wattenrat“, ein Zusammenschluss von Naturschützern in Ostfriesland, geht mit beiden Organisationen scharf ins Gericht: „Das politiknahe Funktionsärsunwesen von BUND und WWF ist einer der Gründe, warum es im Naturschutz in Niedersachsen nicht funktioniert“, sagt „Wattenrat“-Sprecher Manfred Knake. „Bezahlte Funktionäre fernab der Küste in Hamburg oder Hannover kungeln mit der Politik und machen die ehrenamtliche Arbeit der Naturschützer vor Ort kaputt.“ Problematisch sei auch die Abhängigkeit der Umweltverbände von Fördermitteln der Landesregierung. Trotz der Kritik von der Basis verteidigen WWF und BUND das Kanal-Projekt: „Es gibt mehr Vor- als Nachteile“, begründet Beatrice Claus. So habe die Ems bei weniger Ausbaggerungen die Chance zur Renaturierung auf mehr als 15 Kilometern. Den von Meyer verlangten Sommerstau lehnt sie ab. Dagegen würden die Verbände notfalls auch klagen: „Wir erkennen die Belange der Wirtschaft zwar an - aber nicht um jeden Preis und auf Kosten der Natur.“ (dpa)

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