Das Buch der Woche: „Entscheidungen" von Gerhard Schröder

02.11.2006 00:00 Uhr

Jeden Mittwoch neu: Die aktuelle Buchbesprechung, ausgewählt von Ihrer VerkehrsRundschau

Kein Kameralicht, das da mehr auf einen gerichtet ist. Keine heikle Journalistenfrage mehr, über die es sich zu erzürnen lohnt. Kein gedruckter Artikel mehr, denn es flugs zu dementieren gilt: Erdrückend muss sie sein, die Stille, die die einst Mächtigen der Politik einholt, wenn diese meist unfreiwillig aufs Altenteil geschoben wurden. Die eigene Biografie wird da schnell zum beliebten Ersatzmittel bei öffentlichem Liebesentzug. Alternativ und finanziell nicht minder lukrativ: Einen hochdotierten Aufsichtsratsposten eines weltweit agierenden Energiekonzerns annehmen. Oder beides. Das macht Schröder und gibt dabei in Sachen Autobiografie, die er „Entscheidungen“ nennt, zugleich ein Lehrstück in perfekter Selbstvermarktung ab. Medien nutzen, um Botschaften zielgenau zu transportieren, darin ist der Altkanzler groß. Autobiografisch wirken, dabei Ungewohntes benennen und spannend erzählen, da schwächelt er. Mit wenig Neuem wartet Schröder auf den knapp 550 Seiten auf. Noch interessant: Die Erinnerungen an Kindheit und Jugend und seine sozialdemokratische Sozialisation. Doch der Bundeskanzler a.D. lässt schon im ersten Kapitel Tiefe vermissen, die er auch in seinen gelegentlichen Schwenks zu Übervater Brandt nicht bemüht. Hier wartet der Leser auf mehr, auf Substanz, wird aber für sein Warten lediglich mit Erkenntnissen wie „der Eintritt der Bundesrepublik in den Krieg gegen Restjugoslawien traf die Menschen in Deutschland unvorbereitet“ belohnt. Es folgt ein Entlanghangeln an Reformstaus und Nato-Einsatz, am 28. September 1998 bis 11. September 2001, an Oskar Lafontaine und all den anderen Wegbegleitern und Wegbeschwerern. Tiefgründiges, womöglich Überraschendes oder entscheidend Neues aber wird der Leser in den „Entscheidungen“ nicht finden. Wohl aber eine sorgsam mit Hilfe des Ex-Regierungssprechers Heye aufbereitete Autochronologie an Entscheidungen, die in der ultimativen Männerfreundschaft zum russischen Präsidenten und der Schwere der Neuwahl gipfelt. Fazit: Wer die Jahre zwischen 1998 und 2005 verschlafen oder fernab jeglicher Zivilisation verbracht hat, der findet in Schröders Sätzen einen ersten bequemen Einstieg in das Projekt rot-grüner Regierung. Für alle anderen ist der Currywurst-Kanzler noch nicht weit genug weg, als dass sie seine Erinnerungen vermissen würden. (tc) Gerhard Schröder, Entscheidungen. Mein Leben in der Politik. Hamburg 2006, Hoffmann und Campe, 544 Seiten, 25 Euro, ISBN 3-455-50014-5

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