Moskau. Russland hat ungeachtet vieler offener Fragen zum Fall des lange verschollen geglaubten finnischen Frachters „Arctic Sea“ Anklage gegen die acht mutmaßlichen Piraten erhoben. Den erst am Montag vergangener Woche gefassten Verdächtigen werde Piraterie und Geiselnahme vorgeworfen, sagte der Leiter der russischen Ermittlungsbehörden, Wladimir Markin, am Donnerstag nach Angaben der Agentur Interfax. Einer der Verhafteten soll demnach als Drahtzieher den Überfall auf die „Arctic Sea“ geplant und sieben Helfer angeheuert haben. Nach Einschätzung von Militärexperten könnte der angeblich mit Holz beladene Frachter auch Waffen geschmuggelt haben. Noch am Vortag hatte Russland Ermittlungslücken eingeräumt und eine umfassende Durchsuchung des Schiffs angekündigt. Unklar sei nicht nur das Motiv der Piraten, die Lösegeld von rund einer Million Euro gefordert haben sollen, sagte der russische Generalstabschef Nikolai Makarow. Geprüft werden müsse auch, ob die „Arctic Sea“ außer Holz noch andere Fracht geladen habe. Den überwiegend estnischen Verdächtigen im Alter zwischen 29 und 45 Jahren drohen 20 Jahre Gefängnis. Sie hatten ihre Unschuld beteuert und erklärt, als Umweltschützer am 24. Juli in Seenot von der „Arctic Sea“ gerettet worden zu sein. Laut Anklage sollen die wegen Tötungs-, Drogen- und Eigentumsdelikten vorbestraften Männer aus dem Baltikum bewaffnet und maskiert in schwarzen Uniformen mit der Aufschrift Police (Polizei) die „Arctic Sea“ gekapert haben. „Nachdem sie das Schiff in ihrer Gewalt hatten, sperrten die Beschuldigten die Mitglieder der Besatzung in verschiedene Kajüten, um sie zu isolieren und Widerstand unmöglich zu machen“, sagte Ermittler Markin. Der russische Geheimdienst hält auch die befreiten Seeleute der „Arctic Sea“ weiter fest, um eine mögliche Komplizenschaft mit den Entführern zu klären. Elf Seeleute sind an einem unbekannten Ort in Moskau, während sich der Kapitän sowie drei weitere Seemänner noch an Bord des Schiffs befinden. Das beschlagnahmte Schiff ist nach russischen Angaben auf dem Weg zum Schwarzmeerhafen Noworossijsk, wo es durchsucht werden soll. Der Fall der drei Wochen lang verschollen geglaubten „Arctic Sea“ hatte einen wohl einmaligen Einsatz von Geheimdiensten aus 20 Ländern ausgelöst. Beim Wiederauffinden des Frachters hatte auch die NATO auf Bitten Russlands geholfen. Russland hatte mehrere Kriegsschiffe in Bewegung gesetzt, um die 15 russischen Seeleute aus der Gewalt der Entführer zu befreien. Wegen des immensen militärischen und geheimdienstlichen Aufwands halten sich Gerüchte, an Bord der „Arctic Sea“ könnten Waffen geschmuggelt worden sein. (dpa)
Anklage gegen Piraten der „Arctic Sea“
Russland erhebt Anklage gegen die acht mutmaßlichen Entführer des finnischen Frachters