„Alle zuzulassen, kann auch keine Lösung sein“

30.05.2014 10:29 Uhr
CHE-Projektleiter Cort-Denis Hachmeister
CHE-Projektleiter Cort-Denis Hachmeister
© Foto: Privat

Cort-Denis Hachmeister, Mitautor des CHE Numerus Clausus-Checks 2013/14, erzählt im YouLoC-Interview, welche Vor- und Nachteile NCs mit sich bringen und wie es im Bereich Logistik aussieht.

Gütersloh. Cort-Denis Hachmeister, Projektleiter beim CHE gemeinnützigen Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh, erzählt im Interview, warum es einen Numerus Clausus gibt, welche Vorteile er bringt und wie es im Bereich Logistik aussieht.

Wie groß ist die Chance, dass ein junger Mensch nach dem Abitur seinen Wunsch-Studienplatz bekommt?

Das kommt zum einen auf den Wunsch und zum anderen im Wesentlichen auf die Abiturnote an. Über die Hälfte der Studiengänge in Deutschland sind „zulassungsfrei“, das bedeutet: Jeder, der Abitur hat, kann sich dort einschreiben – ohne dass die Anzahl der Plätze begrenzt wäre. Bei der anderen Hälfte ist die Anzahl der Plätze begrenzt – es gibt eine so genannte Zulassungsbeschränkung, auf Latein „Numerus Clausus“, kurz „NC“ genannt. Die Plätze werden nach der Abiturnote der Bewerber und gegebenenfalls weiteren Kriterien vergeben. Es gibt aber nur vier Fächer – Human-, Zahn- und Tiermedizin sowie Pharmazie – bei denen es bundesweit für jeden angebotenen Studiengang einen NC gibt. In allen anderen Fällen gibt es immer Alternativen – nur eben nicht unbedingt am Wunsch-Hochschulort.

Warum gibt es Studiengänge, die mit einem NC belegt werden?

Einfach gesagt kann ein bestimmter Studiengang an einer bestimmten Hochschule dann mit einem NC belegt werden, wenn die Anzahl derjenigen, die sich in den Studiengang einschreiben regelmäßig höher ist als die vorhandenen Kapazitäten. Es kann also eine hohe Nachfrage oder einfach zu wenig Plätze in dem Fach an dieser Hochschule geben.

Warum gibt es an Fachhochschulen einen höheren Anteil von NC-Studiengängen als an Universitäten?

Meine Vermutung ist, dass es zum einen am kleineren Fächerspektrum und zum anderen an der Fokussierung der Fachhochschulen auf die Lehre liegt. An Fachhochschulen werden vor allem sehr beliebte Studienfächer angeboten wie beispielsweise BWL, Ingenieurwissenschaften, Informatik, Soziale Arbeit. Da die Lehre im Fokus steht ist es auch das Ziel der Fachhochschulen, attraktive Studiengänge anzubieten, die ausgelastet sind. Nicht nachgefragte Studienangebote werden eingestellt oder inhaltlich so verändert, dass sie wieder Studierende anziehen. Weil an Universitäten die Forschung einen größeren Raum einnimmt als an Fachhochschulen ist Auslastung nicht unbedingt das vordringliche Ziel.

Und warum gibt es bei Bachelorstudiengänge einen deutlich höheren Anteil von NCs als bei Masterstudiengängen?

Die „Sondereffekte“ der letzten Jahre wie die doppelten Abiturjahrgänge und der Wegfall der Wehrpflicht haben wohl zunächst auf den Bachelorbereich durchgeschlagen. Wenn diese Jahrgänge dann demnächst in die Masterstudiengänge streben, könnte sich dort die Quote erhöhen. Vielleicht wird es dann gleichzeitig im Bachelor wieder weniger. Die ersten Hochschulen melden schon, dass sie NCs wieder aufheben wollen – weil der doppelte Abiturjahrgang im entsprechenden Bundesland „durch“ ist.

Wie sieht die Lage im Bereich der Logistikstudiengänge aus?

So fachspezifisch war unsere Studie nicht. Wir haben nur nach Fächergruppen wie zum Beispiel die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften unterschieden. Wenn ich aber im Hochschulkompass der HRK unter www.hochschulkompass.de nachschaue, auf dessen Daten die Studie basiert, finde ich unter dem Stichwort „Logistik“ aktuell 216 Studienangebote, von denen immerhin 83 zulassungsfrei sind. Also eigentlich müsste da jeder was Passendes finden können.

Welche Tipps können Sie einem jungen Menschen geben, der gern einen bestimmten Studiengang studieren möchte, dessen Abiturnote aber zu schlecht ist?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Erstens: Er kann nach dem gleichen oder ähnlichen Studiengang an einer anderen Hochschule suchen, der nicht zulassungsbeschränkt ist – vielleicht muss es nicht gerade Hamburg, München, Berlin sein. Insgesamt am niedrigsten sind die NC-Quoten bei den Bachelorstudiengängen in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Zweitens: Sich trotzdem bewerben. Wer in den Studiengang reinkommt, entscheidet sich immer nach Angebot und Nachfrage. Die Auswahlgrenze ist kein vorab festgelegter Wert, sondern eben die Note des schlechtesten Bewerbers, der noch genommen wird. Es kann sogar gut sein, dass am Ende doch alle Bewerber genommen werden – wenn die Nachfrage gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen ist.

Wie sieht die Zukunft aus: Wird sich künftig die Lage entspannen oder gehen Sie davon aus, dass immer mehr Studiengänge eine Zulassungsbeschränkung bekommen?

Schwer zu sagen. Die Nachfrage nach Studienplätzen wird den Prognosen nach noch länger auf einem hohem Niveau bleiben – es liegt an der Politik, die entsprechende Anzahl von Studienplätzen bereit zu stellen, auch wenn die sog. „Schuldenbremse“ die Länder zum Sparen zwingt. Es wird gerade diskutiert, inwieweit der Bund den Ländern dabei unter die Arme greift.

Welche Vor- und Nachteile hat die Zulassungsbeschränkung für die Studenten?

Der Nachteil ist natürlich erst einmal, dass ich in meiner Studienplatzwahl eingeschränkt bin und mich nach Alternativen umsehen muss. Aber jetzt beispielsweise in BWL an der Uni Köln alle zuzulassen, die kommen wollen, ohne Rücksicht auf vorhandene Sitzplätze im Hörsaal oder Betreuungskapazitäten der Lehrenden kann doch auch keine Lösung sein. An Österreichischen Universitäten wird das zum Teil so praktiziert – man versucht dann die Leute möglichst schnell „rauszuprüfen“. Man muss wissen, dass bei einer Zulassungsbeschränkung die Anzahl der Plätze auf die rechnerisch absolut höchstmögliche Anzahl von Studierenden festgeschrieben wird. Der NC schützt die Hochschulen und auch die Studierenden vor unzumutbaren Studienbedingungen. (ts)

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