Unter dem Druck der Lava

20.04.2010 13:32 Uhr

Welche Erkenntnisse haben die Verkehrsminister und Flugbehörden innerhalb von wenigen Stunden gewonnen, so dass trotz offiziellem Flugverbot wieder nahezu regulärer Flugbetrieb möglich ist? Lag am Wochenende noch halb Europa unter der bedrohlichen Aschewolke, scheint sich der gefährliche Lavastaub über Nacht in eine Wolke harmloser Frühlingspollen gewandelt zu haben. Anders ist es nicht zu erklären, dass bei gleicher Ausgangslage vor 48 Stunden die Flugzeuge am Boden verharren mussten, während heute der übliche Reiseverkehr dank Sondergenehmigungen als Regelfall wieder einsetzt.

Ist die Politik unter dem Druck der Airlines und vor allem der Industrie eingebrochen? Zählen wirtschaftliche Interessen mehr als Menschenleben? Gestern noch wollte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer jedes Risiko für Leib und Leben der Passagiere ausschließen und versicherte medienwirksam, dass er dem Druck der Fluggesellschaften standhalten werde. Heute prescht der CSU-Politiker als selbsternannter „konstruktiver Schrittmacher“ der Wirtschaft voran und räumt alle bürokratische Hürden für den Start der Flugzeuge aus dem Weg. Dabei hat sich die wissenschaftliche Ansicht bezüglich der Gefahr für den Flugbetrieb durch die Vulkan-Aschewolken nicht geändert.

Entweder ist die Vulkanasche gefährlich für den Flugverkehr und deshalb sind Flüge vom Staat als Aufsichtsbehörde zu unterbinden oder die Aschewolke ist unbedenklich. Im ersten Fall wären Ramsauer und seine Kollegen vor dem immensen Druck der Wirtschaft eingeknickt. Im zweiten Fall wäre das tagelange Flugverbot überzogen gewesen und die Milliardenschäden für Fluggesellschaften im speziellen und die immensen Folgeschäden für die Wirtschaft insgesamt ein Auswuchs behördlicher Willkür. In jedem Fall gehören das Vorgehen der Behörden und das Krisenmanagement der politisch Verantwortlichen auf den Prüfstand. Damit zumindest wenn sich der Aschestaub wieder legt, Lehren aus der derzeitigen Krise gezogen werden können.

Sebastian Bollig, Redakteur

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