Aggressives Fahrverhalten nimmt zu: Jeder Zweite drängelt

18.08.2026 08:32 Uhr | Lesezeit: 2 min
Lkw-Fahrer hinterm Steuer, die Straße vor der Windschutzscheibe
Aggressives Verhalten im Straßenverkehr nimmt zu, das zeigt eine Studie der Unfallforscher im GDV. Auch für Lkw-Fahrer gilt dann: Ruhe bewahren. Verkehrssicherheit geht vor (Symbolbild)
© Foto: Claudiad/GettyImages

Drängeln, Schneiden und Handy-Nutzung am Steuer: Eine aktuelle Umfrage zur Verkehrssicherheit zeigt, dass aggressives Fahrverhalten im Straßenverkehr zunimmt. Besonders eine Entwicklung bereitet Unfallforschern Sorgen.

Aggressives Verhalten im Straßenverkehr nimmt in Deutschland zu. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Unfallforschung der Versicherer. Demnach drängeln mehr Verkehrsteilnehmer, überholen riskant oder nutzen das Smartphone am Steuer.

Für die Umfrage der Unfallforschung der Versicherer (UDV) im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV)wurden zwischen März und April 2026 mehr als 2000 Personen ab 18 Jahren online zur Verkehrssicherheit befragt.

Die aktuelle UDV-Studie zeigt, dass aggressives Fahrverhalten und Ablenkung durch Smartphones im Straßenverkehr häufiger vorkommen als noch vor wenigen Jahren.

Der Anteil derjenigen, die mitunter drängeln, stieg demnach von 39 Prozent bei der vorigen Erhebung im Jahr 2023 auf 47 Prozent in diesem Jahr. Ein knappes Drittel schere nach dem Überholen schon mal so dicht ein, dass der andere bremsen müsse. 2023 war es noch ein knappes Viertel gewesen.

Umfrage: Aggressives Fahrverhalten von Auto- und Radfahrern nimmt zu

Immer mehr Autofahrer räumten demnach in der Umfrage des Verbands eigenes Fehlverhalten beim Fahren ein. Fast jeder zehnte Autofahrer (acht Prozent) gab an, beim Überholen kaum Rücksicht auf Fahrradfahrer zu nehmen – ein doppelt so hoher Anteil wie bei der vorherigen Umfrage von vor drei Jahren. Zudem räumten demnach mehr Befragte ein, auf der Autobahn auch mal rechts zu überholen oder an einer Autoschlange vorbeizufahren, um sich vorn einzuordnen.

„Der Trend ist klar: Die Gruppe derer, die aggressives Verhalten zeigt, nimmt zu“, sagte die Leiterin der UDV, Kirstin Zeidler. Nahezu alle 23 ermittelten Werte für aggressives Fahrverhalten hätten sich seit der letzten Studie 2023 nochmal weiter verschlechtert, „einige sogar deutlich“.

Das zeige sich nicht nur bei den Autofahrern. Auch Radfahrer gaben bei der Befragung in diesem Jahr häufiger aggressives Verhalten zu als noch 2023. Sie drängeln demnach öfter auf Radwegen, schummeln sich an roten Ampeln an den anderen wartenden Radfahrern vorbei oder schlängeln sich durch den Autoverkehr. 43 Prozent von ihnen erzwingen hin und wieder die Vorfahrt – nach 28 Prozent bei der Umfrage aus dem Jahr 2023.

Smartphone am Steuer wird häufiger genutzt

Die Umfrage zeigt nicht nur eine zunehmende Aggressivität im Straßenverkehr. Auch die Ablenkung durch Hanynutzung am Steuer entwickelt sich aus Sicht der Unfallforscher zu einem wachsenden Sicherheitsrisiko. Mehr als jeder fünfte befragte Autofahrer nutzt dem UDV zufolge etwa zumindest gelegentlich während der Fahrt soziale Medien. Bei der Umfrage von vor drei Jahren war es noch etwas mehr als jeder Zehnte.

Fast jeder Vierte versende immer wieder mal Textnachrichten. Ebenso viele seien am Steuer im Internet unterwegs. Auch hier sind die Anteile jeweils gestiegen. Junge Leute nutzen das Handy demnach deutlich häufiger als ältere.

Das Bewusstsein für riskantes Fahrverhalten ist dabei durchaus vorhanden, nimmt laut der Umfrage allerdings spürbar ab. 74 Prozent der Befragten ordnen etwa das Schreiben von Textnachrichten während der Fahrt als „sehr risikoreich“ ein. Drei Jahre zuvor waren es noch 84 Prozent.

Warum Aggressivität im Straßenverkehr zunimmt

Aus Sicht der Unfallforscher stehen beide Entwicklungen nicht isoliert nebeneinander. Sowohl aggressives Verhalten als auch eine sinkende Risikowahrnehmung spiegeln gesellschaftliche Veränderungen wider.

Für den Anstieg an aggressivem Verhalten im Straßenverkehr macht die UDV mehrere Gründe aus. Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen nehme die Aggressivität zu. Das zeige sich an der steigenden Zahl an Übergriffen etwa auf Rettungskräfte oder auf Bahnbeschäftigte. „Der Straßenverkehr ist ein Abbild der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung“, betonte Zeidler.

Trotz zunehmender Konflikte fühlen sich viele Verkehrsteilnehmer sicher

Die zunehmende Aggressivität hat nach Einschätzung der Experten direkte Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit. Sie lasse sich zum Teil auch auf die Zahl potenzieller Konfliktsituationen auf Straßen und Radwegen zurückführen.

Förderlich für aggressives Fahrverhalten sei etwa auch die Verkehrsinfrastruktur. Immer mehr Radfahrerinnen und Radfahrer seien auf zu engen Radwegen unterwegs, sagte Zeidler. Konfliktsituationen mit Autos an Kreuzungen könnten etwa durch getrennte Grünphasen entschärft werden. Es brauche auch mehr ausschließlich für den Radverkehr ausgewiesene Parallelstraßen.

Interessant ist, dass sich trotz des zunehmend aggressiven Verhaltens eine deutliche Mehrheit (58 Prozent) im Straßenverkehr „sicher“ oder sogar „sehr sicher“ fühle. Das sind sogar zwei Prozentpunkte mehr als noch 2023. Dabei gelte: Je älter Verkehrsteilnehmer seien, umso sicherer fühlten sie sich - was Zeidler zufolge an ihrer längeren Erfahrung im Straßenverkehr liege. Und: Männer fühlten sich grundsätzlich sicherer als Frauen, heißt es in der Umfrage.

Unfallforscher fordern mehr Kontrollen und strengere Strafen

Obwohl sich viele Verkehrsteilnehmer weiterhin sicher fühlen, sehen Experten Handlungsbedarf. Daher wird über zusätzliche Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit diskutiert.

Was ist zu tun? Unter den Befragten finden sich Mehrheiten für verschiedene Maßnahmen. Mehr als 60 Prozent sprachen sich etwa für eine Tempobeschränkung von 130 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen aus. Tempo 30 in Städten findet hingegen mit knapp 43 Prozent Zustimmung keine Mehrheit. Besonders viele Befürworter hat die Null-Promille-Grenze für Autofahrer.

Die UDV spricht sich unter anderem für schärfere Kontrollen und Sanktionen für Fehlverhalten im Straßenverkehr aus. Polizeikontrollen erlebten viele Verkehrsteilnehmer de facto selten. Rund 60 Prozent der Befragten gaben an, noch nie von der Polizei kontrolliert worden zu sein oder dass die letzte Kontrolle schon Jahre zurückliege.

Zeidler fordert etwa den häufigeren Einsatz von sogenannten Handyblitzern. „Aus UDV-Sicht sind Verkehrsplanende, Verkehrspsychologen und -psychologinnen gefordert, Konzepte gegen aggressives Verhalten im immer dichter werdenden Verkehr zu entwickeln“, teilte der UDV mit.

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