München. Die unmittelbaren Folgen des letzten 66-stündigen Streiks im Schienengüterverkehr waren zumindest in der Automobil- und Chemieindustrie überschaubar und konnten durch Verkehrsverlagerungen weitgehend abgefedert werden. Das zeigt ein Umfrage der VerkehrsRundschau. Die Einschätzungen der Experten geben aber auch einen Vorgeschmack auf das, was ein siebentägiger Streik bedeuten würde.
In der Stahlindustrie wären die Folgen sicher dramatisch. Schon der letzte Streik hatte unangenehme Auswirkungen: „Ein Drei-Tage-Streik im Schienengüterverkehr stellt die Stahlunternehmen vor riesige Probleme“, sagt Hans-Joachim Welsch, Vorsitzender des Verkehrsausschusses der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Ein kurzfristiges Ausweichen auf andere Verkehrsträger sei nur sehr eingeschränkt möglich. „Daher gibt der Streik auf der Schiene Anlass zu größter Sorge. Es entstehen erheblicher wirtschaftlicher Schaden und Zusatzkosten in Millionenhöhe“, so Welsch. Die DB teilte mit, dass es gelungen sei, während des Streiks zwei Drittel aller geplanten Güterzüge zu fahren. Zeitkritische und versorgungsrelevante Züge seien bevorzugt transportiert worden.
Bei Kombiverkehr, Marktführer unter den Kombioperateuren in Europa, lagen die Zugausfälle im von DB Schenker genannten Rahmen: „Der Streik der GDL hat rund 30 bis 40 Prozent der Züge tangiert, die an diesen Tagen einen Versandtag laut Fahrplan hatten. Kombiverkehr bietet in der Nacht im Durchschnitt 170 Züge an, also sprechen wir von 60 bis 70 Zügen“, sagte Unternehmenssprecher Jan Weiser.
Nagelprobe steht noch aus
Der wirtschaftliche Schaden des GDL-Streiks hängt aber entscheidend von der Streiklänge ab. „Bei durchgängigen Streiks von mehr als drei Tagen sind in der Industrie Produktionsunterbrechungen zu erwarten. Die Schäden können dann schnell von einstelligen Millionenbeträgen auf über 100 Millionen Euro pro Tag ansteigen“, sagt Hagen Lesch, Tarifexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).
Durch Ausweichen auf andere Verkehrsträger und Vorziehen und Nachholen von Transporten, so Lesch, ließe sich der Schaden auf täglich 50 Millionen Euro senken. Das IW geht bei dieser Kostenschätzung allerdings davon aus, dass die Deutsche Bahn (DB) lediglich ein Drittel ihres Güterverkehrs aufrechterhalten kann. Tatsächlich waren es zwei Drittel. Für echte Einbrüche war der GDL-Streik nach der IW-Einschätzung mit 66 Stunden ohnehin diesseits der volkswirtschaftlichen Schmerzgrenze. „Die Nagelprobe steht noch aus“, so Lesch gegenüber der Verkehrs-Rundschau. (diwi/cd)
Ein ausführlicher Beitrag zur Bilanz des letzten Streiks im Güterverkehr ist in Ausgabe 18 der VerkehrsRundschau am 2. Mai erschienen. Online- und Premium-Abonnenten können den Beitrag auch online als E-Paper lesen.