VerkehrsRundschau: Wann wird in Europa die Maut endlich über ein einheitliches System erfasst?
Jens Raschke: Das ist der Blick in die Glaskugel, dazu kann man seriös kein festes Datum nennen. Die EU hat bereits eine Direktive für den Europäischen Elektronischen Mautdienst (EETS) vorgelegt. Jetzt liegt es an den einzelnen EU-Staaten, diese Direktive in nationales Recht umzusetzen. Das beinhaltet in letzter Konsequenz auch die Benennung einer möglichen Vergütung.
Hört sich so an, als ob das kein so ein großes Problem mehr sei.
Für die Verantwortlichen in den einzelnen Staaten – in Deutschland das Bundesverkehrsministerium – sind damit wichtige Fragen verbunden, die auch finanziell große Auswirkungen haben können.
Inwiefern?
Ganz entscheidend ist beispielsweise, wie die Vergütungshöhe für ein EETS aussehen soll. Davon hängt wiederum ab, ob sich Unternehmen finden, die nicht nur das EETS betreiben, sondern auch die technischen Lösungen für ein solches System entwickeln und betreuen.
Welche Vorteile hätte ein EETS für die mautpflichtigen Fahrzeuge?
Mehrere. Einer der größten Vorteile ist, dass die Unternehmen nicht mehr für jedes Land eine eigene On-Board-Unit (OBU) im Lkw einbauen müssen. Stattdessen ist nur noch eine einzige OBU notwendig. Die ist dann in der Lage, mit allen existierenden Mautsystemen in der EU die Mautkilometer abzurechnen. Und nach Möglichkeit soll diese OBU auch vom Nutzer selbst eingebaut werden können. Für die Unternehmen hätte das den Vorteil, dass die Lkw zum Einbau der OBUs nicht mehr in die Werkstatt müssten.
Gibt es denn Unternehmen, die sich bei EETS als Betreiber engagieren wollen?
Ja. Das Interesse der Industrie ist vorhanden, wie unsere Studie zeigt. Aber es müssen die Rahmenbedingungen geklärt werden, bevor die Unternehmen investieren. Dazu gehört, welche Technologie zum Einsatz kommt. Wir gehen davon aus, dass sich die GNSS-Technologie (Global Navigation Satellite System) durchsetzen wird.
Sie haben in Ihrer Studie ein Wachstum des Marktes für EETS ermittelt. Heißt das, dass immer mehr Länder eine Lkw-Maut einführen werden?
Darauf deutet vieles hin. Belgien beispielsweise startet zum 1. April dieses Jahres mit der Erhebung einer Lkw-Maut. In Deutschland ist eine Ausweitung der Gebühr auf alle Bundesstraßen geplant. Die Befragten in der Studie gehen davon aus, dass sich weitere Länder diesem Beispiel der Infrastrukturfinanzierung anschließen werden.
Muss man auch davon ausgehen, dass die Mautsätze angehoben werden?
Das ist Spekulation. Aber die Prognosen zum Güterverkehr gehen davon aus, dass bis 2030 der Lkw-Verkehr weiter zunimmt. Schon deshalb ist damit zu rechnen, dass das Umsatzvolumen im Markt für Mautdienste weiter steigen wird.
Werden die Anbieter über die Mauterfassung hinaus weitere Mehrwertdienste für die Nutzer anbieten?
Ja, diese Aussage machen die von uns befragten Unternehmen. Vorstellbar sind Informationsdienste, die dem Fahrer beispielsweise den nächsten freien Lkw-Stellplatz mitteilen, Systeme zur Optimierung der Routenführung oder zur Sendungsverfolgung. Hier sind die erweiterten Funktionalitäten der neuen OBUs ein Pluspunkt: Damit soll es möglich sein, Updates für solche Anwendungen einzuspielen, ohne eine Werkstatt aufsuchen zu müssen.
Das Interview führte VerkehrsRundschau-Redakteur Michael Cordes.
Um was es geht: Enormes Wachstumspotential für EETS
Das Beratungsunternehmen BearingPoint hat eine Studie zum Markt für europäische elektronische Mautdienste (EETS) erstellt. Im Vergleich zu den 8,3 Milliarden Euro an Mauteinnahmen im Jahr 2015 werden mit der Einführung von EETS bis 2030 12,3 Milliarden Euro erwartet. Allerdings: 80 Prozent der Befragten haben Zweifel, dass bis 2030 tatsächlich ein einheitliches EETS-Umfeld geschaffen wird. (cd)