Dramatische Talfahrt der deutschen Wirtschaft verschärft sich

04.03.2009 17:23 Uhr
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Die deutsche Wirtschaft steckt in der Krise

Verschiedene deutsche Industriebranchen berichten über dramatische Umsatz- und Auftragseingangs-Einbrüche

Frankfurt/Main/Wiesbaden. Die Hiobsbotschaften für die deutsche Konjunktur reißen nicht ab. Die deutsche Schlüsselbranche Maschinenbau erlitt zum Jahresbeginn den stärksten Einbruch seit mindestens fünf Jahrzehnten. Das Geschäftsklima im deutschen Mittelstand fiel unterdessen auf ein historisches Tief und die deutsche Stahlindustrie rechnet mit einem Einbruch der Rohstahlerzeugung. Der Maschinen- und Anlagenbau als nach eigenen Angaben größter industrieller Arbeitgeber Deutschlands verbuchte im Januar einen Einbruch im Auftragseingang um real 42 Prozent. „So einen starken Rückgang haben wir seit Beginn der Erhebung der Zahlen im Jahr 1958 noch nie gesehen“, sagte Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), am heutigen Mittwoch in Frankfurt. Das Geschäftsklima im deutschen Mittelstand fiel auf einen neuen Tiefpunkt: Das von der KfW-Bankengruppe und dem Münchner ifo Institut berechnete Mittelstandsbarometer sank um 1,4 Zähler auf minus 21,0 Punkte, wie die KfW in Frankfurt mitteilte. Dies sei der niedrigste Wert seit Beginn der gesamtdeutschen Auflistung Anfang 1991. Bei den lange Zeit erfolgsverwöhnten deutschen Maschinen- und Anlagenbauern brach im Januar vor allem die Nachfrage aus dem Ausland um 47 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat ein. Die Nachfrage aus dem Inland gab mit minus 31 Prozent aber ebenfalls deutlich nach, wie der VDMA mitteilte. Bereits im Dezember war der Auftragseingang um 40 Prozent zurückgegangen. Für 2009 erwartet der Verband einen Rückgang der Maschinenbau-Produktion um sieben Prozent. 2008 war die Produktion der Branche nach vier Rekordjahren nochmals um 5,4 Prozent auf 194 Milliarden Euro gewachsen. „Eine Aufwärtskorrektur blieb angesichts der anhaltenden Verunsicherung der und den sowie der mehr als üblich in den Januar ausgedehnten Werksferien wie erwartet aus“, sagte Wiechers. Zudem wirke sich jetzt statistisch aus, dass sich die Bestellungen im Maschinenbau bis weit in das Frühjahr 2008 hinein auf Rekordniveau bewegt hätten. „Schon allein deshalb dürften wieder bessere Nachrichten aus dem Maschinenbau noch einige Zeit rar bleiben“, sagte er. In der deutschen Rohstahlindustrie verschärfte sich die Krise im Januar mit einem Rückgang um 36 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat noch einmal deutlich. Die Branche erwartet einen im Gesamtjahr einen Rückgang „deutlich“ unter die Grenze von 40 Millionen Tonnen. „2009 wird ein schweres Jahr für den Stahlmarkt“, sagte der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans-Jürgen Kerkhoff, bei der 13.Handelsblatt Jahrestagung „Stahlmarkt 2009“ in Düsseldorf. Erwartet werde eine Produktion in der Größenordnung zwischen 36 und 38 Millionen Tonnen. Er kündigte an, dass es zu Personalabbau unter den bundesweit rund 94.000 Stahlkochern kommen werde. Für insgesamt 40.000 Beschäftigte sei Kurzarbeit beantragt worden, sagte Kerkhoff. Durch den Boom in der Stahlbranche waren zuvor seit dem Jahr 2006 insgesamt knapp 3000 Stellen neu geschaffen worden. Die Auslastung der Kapazitäten habe mit nur noch 60 Prozent einen langjährigen Tiefstand erreicht. Schlechte Nachrichten lieferte auch der Großhandel, dessen Umsätze zum Jahresauftakt so stark wie seit 2002 nicht mehr zurückgingen: Die Erlöse schrumpften im Januar im Vergleich zum Vorjahresmonat nominal um 10,7 Prozent, unter Berücksichtigung der Inflation um 5,6 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Ein ähnlich starker Rückgang war zuletzt im Mai 2002 mit minus 10,9 Prozent verzeichnet worden. Zum Einbruch des Großhandelsumsatzes sagte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton F. Börner, in einer Stellungnahme: „Diese Entwicklung im Großhandel als einem wichtigen Konjunktur-Frühindikator lässt wenig Gutes ahnen.“ Auch im Konsumgütergroßhandel als Frühindikator für den privaten Konsum hätten die Umsätze unter denen des Vorjahresmonats gelegen – nominal um 6,3 Prozent und real um 7,0 Prozent. Er setze darauf, dass die Konjunkturpakete schnell und effektiv wirkten. Märkte und Unternehmen müssten Vertrauen in einen Trendwechsel gewinnen. Neben den Konjunkturpaketen der Bundesregierung setzt die deutsche Wirtschaft vor allem auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik. Mit der an diesem Donnerstag erwarteten Zinssenkung auf ein Rekordtief könnte die Europäische Zentralbank (EZB) einen weiteren Schritt tun, um die Volkswirtschaften im Euro-Raum aus der Rezession zu führen. Experten erwarten, dass die EZB den Zinssatz nochmals um 0,5 Punkte auf dann 1,5 Prozent senken wird. Dabei stützen sie sich auch auf Aussagen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, der im Februar einen Zinsschritt für März angedeutet hatte: „Ich schließe im Moment nicht aus, dass wir die Rate bei unserem nächsten Treffen senken könnten.“ Um der Wirtschaft aus der Krise zu helfen, hatten die Währungshüter den Leitzins seit Oktober 2008 bereits in vier Schritten um insgesamt 2,25 Prozentpunkte auf 2,0 Prozent und damit auf das niedrigste Niveau seit Einführung des Euro im Jahr 1999 gesenkt. Niedrige Zinsen verbilligen Kredite für Unternehmen und Verbraucher und können so die Wirtschaft anschieben. (dpa/ak)

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