München. Es war die Zeit, als „Wirtschaftskapitäne“, wie der „König von Wolfsburg“ genannte Volkswagen-Chef Heinrich Nordhoff, und Politiker noch autoritär bis autokratisch handeln konnten. Und in der anfangs noch die Sechs-Tage-Woche für die Arbeitnehmer die Regel war. Aber auch die Zeit, in der Unternehmer wie Artur Fischer mit leeren Taschen und unglaublich zähem Willen begannen, Produkte aus dem Nichts zu entwickeln und diese zunächst für ein halbes Pfund Butter und zwei Eier einzutauschen. Rudolf Großkopff spannt in dem Begleitbuch zur ARD-Serie einen weiten Bogen und stellt viele verschiedene Facetten dar. Da gibt es den Mann, der nach zwölf Jahren Abwesenheit durch Krieg und Gefangenschaft nach Hause kommt um festzustellen, dass seine Ehefrau ihn hat für tot erklären lassen und sich erneut verheiratet hat. Oder Menschen mit gebrochener Biographie, die nach Flucht und Vertreibung Mühe haben, wieder in ein bürgerliches Leben zu finden. Aber Großkoff erzählt auch von den Jugendlichen, die ohne Vater und so frei wie keine andere Generation aufwächst. Wie der 15jährige, der fünf Tage lang durch die junge Republik radelt, um sich 15 Minuten mit seinem Idol Fritz Walter zu unterhalten. Gelungen ist die Mischung aus Hintergrundwissen und Erzählung von ganz persönlichen Lebensgeschichten durchschnittlicher Leute. Dabei verschont Großkoff den Leser nicht mit Widersprüchlichkeiten: So wird einer Frau erzählt, die dem ostdeutschen System dankbar ist über eine berufliche Chance, die sie sonst nie gehabt hätte. Der Leser erfährt die Hintergründe der späteren Frauen-Emanzipation, der Nachkriegs-Bausünden und des Rentensystems. Aber auch über das große Schweigen über die vergangene Schuld als Wegbereiter für die späteren 68er Geschehnisse. Geschmackliche Fragwürdigkeiten wie Nierentisch und Tütenlampe werden ebenso abgehandelt wie die Sehnsucht der Deutschen nach der heilen Heimatfilmwelt und die große Reisewelle mit dem VW zu Capris Fischern oder die Halbstarken und der Rock´n´Roll. Der Leser erfährt, dass die Mobilität damals Karriere machte: vom Fahrrad über die Vespa zum Messerschmidt-Kabinenroller oder der BMW-Isetta, Ein durchweg interessantes Buch für alle, die mehr über die Hintergründe unserer heutigen Gesellschaft erfahren wollen. Aber auch für jene, die sich ein Bild darüber machen wollen, wie frühere Generation mit wirtschaftlicher Not umgegangen sind. Sehr empfehlenswert für ein schmuddeliges Winterwochenende. (aru) Rudolf Großkopff, Unsere 50er Jahre. Wie wir wurden, was wir sind. Eichborn 2005, 256 Seiten, 40 s/w-Fotografien, geb., 19,90 Euro ISBN 3-8218-5620-3
Das Buch der Woche: Unsere 50er Jahre
Jeden Mittwoch neu: Der aktuelle Buchtipp, ausgewählt von Ihrer VerkehrsRundschau: Historisches – Hintergründe und persönliche Erfahrungen aus den Kinderjahren von BRD und DDR