München. Der Nutzfahrzeuge- und Maschinenbaukonzern MAN kommt endgültig an die Leine seines Großaktionärs Volkswagen. In der Hauptversammlung an diesem Donnerstag will sich VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch an die Spitze des MAN-Kontrollgremiums wählen lassen. Als Chef-Kontrolleur von dann zwei DAX-Konzernen und Miteigentümer des größten VW-Aktionärs Porsche würde Piëch seinen Einfluss in der Branche und im europäischen Lkw-Poker noch ausbauen. Der Österreicher will aus MAN und dem schwedischen Konkurrenten Scania den größten LKW-Hersteller Europas schmieden und hat dafür in den vergangenen Monaten Schritt für Schritt den Boden bereitet. Deshalb zweifelt kaum jemand daran, dass er seine Interessen trotz des Widerstands von Aktionärsschützern durchsetzt. „Es ist klar, dass Piëch das Heft des Handelns in die Hand nimmt, an ihm kommt niemand vorbei“, sagt ein Branchenkenner. MAN-Chef Håkan Samuelsson hatte den langen Arm Piëchs bei seinem missglückten milliardenschweren Übernahmeversuch für Scania von Beginn an zu spüren bekommen. Dabei hoffte Samuelsson auch auf Unterstützung des größten Scania-Aktionärs VW mit seinem damaligen Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder. Doch der wurde auf Betreiben Piëchs zum Jahreswechsel abgelöst und Samuelssons Pläne scheiterten am Widerstand von Scania und der beiden Großaktionäre VW und Investor, bei der die schwedische Industriellenfamilie Wallenberg das Sagen hat. Piëch, der Regisseur der Branchen-Neuordnung sein wollte, zog derweil seine Strippen: Medienberichten zufolge verständigte er sich nicht nur mit Patriarch Peter Wallenberg, sondern brachte auch Arbeitnehmervertreter im MAN-Aufsichtsrat auf seine Seite, bei denen er sich gegen eine Zerschlagung von MAN ausgesprochen und eine Arbeitsplatzsicherung in Aussicht gestellt haben soll. Im Scania-Aufsichtsrat übernahm der Piëch-Vertraute und VW-Chef Martin Winterkorn den Vorsitz. Und im MAN-Aufsichtsrat will der Österreicher künftig nicht nur selbst die Führung haben, sondern nach dem bereits in das Gremium nachgerückten Audi-Chef Rupert Stadler auch den Chef von VW Nutzfahrzeuge, Stephan Schaller, als weiteren VW-Vertreter unterbringen. Aktionärsschützer sehen die Aktivitäten Piëchs kritisch. Mit dem intransparenten Vorgehen hinter den Kulissen biete VW „ein Paradebeispiel schlechter Corporate Governance“, hatte die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) kritisiert, die einen Gegenkandidaten für Piëch bei den Aufsichtsratswahlen vorgeschlagen hat. Ihre Befürchtung: Nach einer Einigung könnte sich VW Stück für Stück das ertrag- und wachstumsstarke LKW-Geschäft von MAN einverleiben und den Münchner Konzern damit aushöhlen. „Die Zeche zahlen dann die Aktionäre“, sagt Klaus Schneider von der SdK. Auch die Zukunft von MAN-Chef Samuelsson gilt als ungewiss. Auch wenn der Konzern mit kräftig Rückenwind durch den anhaltenden Boom bei Lastwagen und Schiffsdieseln gut unterwegs ist, dürfte der 56 Jahre alte Schwede das Scheitern seiner ursprünglichen Scania-Pläne nicht leicht verdaut haben. Eine Wahl Piëchs an die Aufsichtsratsspitze könnte ihn jetzt weiter schwächen, vermuten Beobachter. „MAN kann schon jetzt eigentlich nicht mehr mitreden“, sagt der Branchenexperte. Noch ist zwar unklar, wie genau die künftige europäische LKW-Allianz aussehen wird, für die die Beteiligten einen neuen Anlauf nach dem Aktionärstreffen unternehmen wollen. Doch gilt eine Holding, unter deren Dach die beiden Nutzfahrzeug-Hersteller sowie die brasilianischen Lastwagen-Aktivitäten von VW zusammengebracht werden könnten, als wahrscheinlichste Variante. Offen bleibt dabei, wo Samuelsson und Östling in diesem Modell ihre Plätze finden. Ihre Differenzen dürften seit dem Übernahmestreit, der in „Blitzkrieg“-Vorwürfen Östlings gegen seinen Landsmann in Deutschland gipfelte, nicht kleiner geworden sein. (dpa/sb)
MAN kommt ans Gängelband
VW-Aufsichtsratschef Piëch will auch den Spitzenposten im MAN-Kontrollgremium übernehmen