München. Karrierecoach Walter Feichtner erzählt im YouLoC-Interview unter anderem, wie man beim Assessment Center einen guten Eindruck macht und wie man sich am besten auf das Auswahlverfahren vorbereitet.
Immer mehr Unternehmen setzen auf Assessment Center (AC). Warum?
Das AC ist ein Personalauswahlverfahren, mit dem Unternehmen mehr Infos über potenzielle Mitarbeiter erfahren können als in einem Vorstellungsgespräch. Bei einem AC versucht man anhand von Übungen und Testverfahren, Menschen zu analysieren und herauszufinden, wie sie in bestimmten Situationen reagieren und agieren – insbesondere gegenüber „Konkurrenten“. In erster Linie werden also die Soft Skills der Teilnehmer abgecheckt. Der fachliche Aspekt spielt hingegen eher eine untergeordnete Rolle.
In welchen Unternehmen müssen junge Leute mit einem AC rechnen?
Vor allem große Konzerne nutzen Assessment Center, aber auch immer mehr kleinere Unternehmen. Gut 50 Prozent aller deutschen Unternehmen setzen das Verfahren zur Personalauswahl ein. Insbesondere bei Traineestellen ist die Quote mit 50 Prozent sehr hoch. Bei der Suche nach Führungskräften nutzen rund 15 Prozent der Betriebe ein AC. Beliebt ist die Methode vor allem in der Automobilindustrie, der Chemiebranche, im Banken- und Versicherungssektor sowie bei Unternehmen aus dem Bereich Luft- und Raumfahrt.
Was erwartet junge Leute in einem Assessment Center?
Der Klassiker im AC ist die Selbstpräsentation. Inhalte sollten sein: der berufliche Werdegang, Erfahrungen und Fachkenntnisse, aber auch Projekte und Erfolge, die man bisher erzielt hat. Es empfiehlt sich zudem, die eigene Persönlichkeit ins Spiel zu bringen – also Eigenschaften wie Teamfähigkeit, Eigeninitiative oder Kunden- und Serviceorientierung. Idealerweise verknüpft man solche Soft Skills mit den eigenen Erfahrungen, damit sich die Assessoren ein möglichst genaues Bild machen können. Auch die sogenannte Postkorbübung ist sehr beliebt. Die Kandidaten bekommen verschiedene Nachrichten, die sie nach Wichtigkeit sortieren müssen. So sollen sie zeigen, wie sie priorisieren und dass sie auch delegieren können.
Beim Gruppen-AC steht meist noch eine Gruppendiskussion zu einem bestimmten Thema auf dem Programm. Hier wird analysiert, wie die Leute kommunizieren, ihre Meinung vertreten, ob sie andere Meinungen akzeptieren, wie dominant oder zurückhaltend sie sind. Übrigens kann man auch punkten, indem man die Rolle des Moderators übernimmt – insbesondere, wenn man von dem vorgegebenen Thema nur wenig Ahnung hat. Vorkommen können auch Präsentationen zu bestimmten Themen, die sich auf das Unternehmen oder auf ein aktuelles Thema beziehen wie beispielsweise: Kann das Elektroauto herkömmliche Antriebe ersetzen? Oder: Befinden wir uns in einer neuen Finanzkrise? Dazu kommen Rollenspiele, Verkaufsgespräche und Intelligenztests. Kein Wunder also, dass ein AC zwischen einem halben Tag und bis zu drei Tagen dauert.
Wie bereitet man sich bestmöglich auf ein AC vor? Oder sollte man eher gelassen an die Sache rangehen?
Man sollte sich unbedingt auf ein AC vorbereiten. Wie bei „normalen“ Vorstellungsgesprächen ist es ratsam, sich intensiv über das Unternehmen, Innovationen und die wirtschaftliche Situation des Betriebs zu informieren. Zudem sollte man die unterschiedlichen AC-Testverfahren kennen, damit man nicht komplett ins kalte Wasser geworfen wird. Zum einen gibt es gute Literatur zu dem Thema, zum anderen kann man – auch bei mir – die Übungen trainieren. Das hat den Vorteil, dass man ein ehrliches Feedback erhält und dezidiert erfährt, was man verbessern kann. Und so natürlich an Sicherheit gewinnt. Bei unseren AC-Trainings an Hochschulen fällt immer wieder auf, dass die jungen Leute am Anfang sehr angespannt sind. Von Vorteil ist es außerdem, in den Wochen vor dem AC sehr intensiv die Tages- und Fachpresse zu verfolgen, um bei aktuellen Themen auf dem neuesten Stand zu sein. Übrigens: Gerade die Selbstpräsentation kann man wunderbar zu Hause vorbereiten.
Welche Fehler kann man bei einem AC machen?
Viele machen den Fehler, dass sie nicht ruhig bleiben. Mittels Kritik und Provokation wird versucht, die Leute in Stresssituationen zu bringen. Trotz allem sollte man auf keinen Fall überreagieren, laut oder gar unverschämt werden. Besser kommt an, wenn man sich auf solche Spielchen einlässt – ohne sich dabei zu verstellen. Denn zu gewollte Antworten kommen nicht gut an. Ebenso wenig, wie wenn man über andere Kandidaten, Übungen oder gar Assessoren lästert. Und Vorsicht: Es gibt keine Pausen im AC, die Kandidaten stehen immer unter Beobachtung. Manchmal werden sogar Mitarbeiter als Beobachter eingeschleust, die sich als Teilnehmer ausgeben. Und auch beim Essen wird genau auf Manieren und Etikette geachtet.
Und was tun, wenn man bei einer Übung schlecht abgeschnitten hat?
Bei einem AC geht es immer um den Gesamteindruck einer Person. Und natürlich hat jede Person Stärken und Schwächen, weshalb man nicht bei jeder Übung überragend gut abschneiden wird. Ist ein Test nicht so gut gelaufen, ist es wichtig, den Kopf frei zu bekommen, nach vorne zu schauen und die nächste Übung mit Energie anzugehen. Schließlich ist der große Vorteil von einem AC, dass man negative Ergebnisse durch positive wieder ausbügeln kann.
Und wie überzeugt man nun im Assessment-Center?
Erscheinungsbild und Auftreten spielen eine große Rolle. Beim Dresscode gilt das Motto: eher overdressed als underdressed. Männer sollten mit Anzug und Krawatte, Frauen mit Kostüm kommen – außer das Unternehmen hat einen Dresscode vorgegeben. Zudem sollte man außerdem fit, ausgeschlafen und pünktlich sein. Wichtig auch: authentisch und individuell agieren, motiviert und ehrgeizig an die Sache herangehen, leistungsbereit sein und sich geschickt ins Spiel bringen – und dabei immer die Stelle im Blick behalten. Kandidaten sollten sich kontinuierlich vor Augen führen, welches Wissen und welche Eigenschaften für die ausgeschriebene Stelle von Vorteil sind. So können sie elegant zwischen ihrem Auftritt und dem Job eine Schnittstelle herstellen. (ts)