Ende 2013 haben Sie für 2014 einen Ölpreis von 80 US-Dollar pro Barrel vorhergesagt. Waren Sie selbst auch überrascht, dass diese Vorhersage fast eingetreten ist?
Nein. Als ich mich damals mit meinem Öl-Analysten abgesprochen habe, sagte der mir schon, dass ein Überangebot im Markt besteht. Die Ukraine-Krise konnten wir natürlich nicht vorausahnen, auch nicht das Überangebot und das Über-Investment im amerikanischen Energiemarkt, sodass der Ölpreis sogar noch unter unsere Prognose von 80 US-Dollar gefallen ist.
Aber Sie waren einer der wenigen Experten, die eine solche Prognose gewagt haben.
Wir waren auch einer der wenigen, die für 2014 ein eher geringes Wachstum in den USA und in Deutschland vorhergesagt haben. Wenn dann die Nachfrage nach Öl geringer ausfällt und zugleich das Angebot zunimmt, ist es ein normaler Prozess, dass die Preise sinken.
Mit welchem Ölpreis ist 2015 zu rechnen?
Ich gehe davon aus, dass wir 2015 einen ähnlich niedrigen Ölpreis haben werden wie derzeit. Das liegt unter anderem an dem hohen Dollarkurs, der sich nicht großartig verändern wird, und an den niedrigen Zinsen. Das liegt aber auch an dem derzeitigen Überangebot am Markt. Das zu verringern dauert in der Regel neun bis zwölf Monate. Erst 2016 rechne ich daher wieder mit einem stärkeren Anstieg der Ölpreise.
Sagen Sie wie für 2014 wieder eine Rezession für Deutschland im Jahr 2015 voraus?
Nein. Allerdings wird der Start 2015 sehr holprig werden. Deutschland als Exportland leidet nach wie vor darunter, dass die Rahmenbedingungen sich ungünstig entwickelt haben. China hat seine Politik verändert und strebt einen Wandel vom quantitativen zum qualitativen Wachstum an. Was wenig beachtet wird: Das US-Leistungsdefizit hat sich seit der Finanzkrise von mehr als 350 Milliarden US-Dollar auf 200 Milliarden US-Dollar verringert. Diese Nachfrage fehlt am Markt, was vor allem Exportländer wie Deutschland negativ getroffen hat und weiterhin trifft. Zudem gehen wir davon aus, dass andere Länder aufgrund der Lohnvorteile wettbewerbsfähiger werden und langfristig der Vorsprung Deutschlands gegenüber Staaten wie Spanien, Portugal oder auch Griechenland schmilzt.
Mit welchem Wachstum ist in diesem Jahr in Deutschland zu rechnen?
Die geringen Energiepreise und der niedrige Euro spielen Deutschland in die Karten und werden die Wirtschaft im Laufe des Jahres stabilisieren. Wir rechnen für 2015 mit einem Wachstum von 1,25 Prozent, wobei die Entwicklung im ersten Halbjahr deutlich darunter und im zweiten Halbjahr deutlich darüber liegen wird.
Welche Unternehmen profitieren besonders vom Wachstum?
Viel vom derzeit verfügbaren Geld wird vom Finanzsektor in die Unternehmen wandern. Wir erwarten, dass ab dem zweiten Halbjahr vor allem der Mittelstand in der EU vom Aufschwung profitieren wird.
Wie entwickelt sich der russische Markt?
Schon Anfang des letzten Jahres habe ich in einem Bericht geschrieben, dass Russlands Wirtschaft stagniert. Das war noch vor der Ukraine-Krise und vor den Russland-Sanktionen. Die russische Wirtschaft läuft Gefahr, außer Kontrolle zu geraten. Das liegt auch daran, dass Russland in Zeiten des Wachstums viel zu wenig in Forschung, Bildung und Infrastruktur investiert hat und stattdessen viel Geld ins Ausland geflossen ist. Diese Politik rächt sich jetzt. Das wird sich aber auch negativ auf das Wachstum in der EU auswirken.
Das Interview für die VerkehrsRundschau führte Michael Cordes.